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Wolfenstein Youngblood im Test

Wolfenstein Youngblood

Wolfenstein mit offenen Levels und Koop? Bethesda frischt vor dem großen Finale der Haupttrilogie die Formel auf – statt B.J. übernehmen seine beiden durchgeknallten Töchter das Shooter-Ruder. Ob dieser Trip gelingt, verraten wir im Test.

Anders und besser?

Wolfenstein überraschte einige Spieler mit seiner erwachsenen Storyline und der kompromisslosen Präsentationen von Arbeitslagern und insgesamt dem Setting zur Nazizeit. 2014 war man, besonders in Deutschland, freilich davon geschockt. Mache Gazetten verweigerten sogar die Wertung aufgrund der neuen Härte im Bereich Videospiel. Nichtsdestotrotz blieben die Entwickler MachineGames dran und verbesserten im Nachfolge das Shooter-Gameplay und inszenierten eine ausgefeiltere Storyline. Nun dachte sich Publisher Bethesda kurz vor dem Abschluss der Trilogie noch Koop-Spieler ins Boot holen zu müssen. „Wolfenstein Youngblood“ ist in vielen Aspekten anders als die eher geradlinigen Shooter-Abenteuer von Papa Blazkowicz – denn im Spin-Off springen wir mehrere Jahre in die Zukunft und steuern seine beiden Töchter Soph & Jess. Zudem ist die Handlung in den 1980ern Jahren angelegt, so dass zwar wenige aber sichtbare Veränderungen ins Auge fallen.

Terrorbilly B.J. ist verschollen

Kurz zur Handlung: Terrorbilly B.J. ist verschollen. Natürlich ein Grund für seine Töchter nach ihrem verschwundenen Vater zu suchen. Ihr Weg führt sie ins noch immer von Nazis besetzte Europa, genauer gesagt nach Neu-Paris. Dort knüpfen beide Kontakte zu Widerstandskämpfern und müssen neben vielen Regime-Soldaten auch einige Missionen erledigen. Nach einem Durchgang, für den wir rund 12-15 Stunden benötigten, waren wir uns relativ sicher. Hier haben die Arkane Studios nicht nur zu sondern kräftig mitgearbeitet. Die Jungs und Mädels werkeln bestimmt schon am finalen Teil der „Wolfenstein“-Serie. Die reine Handlung ist recht fade. Nie wird die Intensität eines „A New Order“ oder gar „The Old Blood“ erreicht. Vielmehr nutzt man das Grundfundament um wirklich Koop-Spielern ein Shooter-Erlebnis zu bieten. Dieses wird jedoch verwässert, da jeder Gegner hier Energieanzeigen über dem Kopf hat. Zudem die Level-Gebiete nun deutlich weitläufiger gestaltet wurden. Waagerecht wie vertikal. Im Test meinten wir glatt wir spielen eine „Dishonored 2“-Mod. Hochgelegene Balkone stehen weit offen, überall finden wir Silbermünzen und Munition und nur wenige Feinde patrouillieren des Weges. Dank Motoranzug springen per Doppelsprung ohne Mühe hoch. Während wir in bisherigen Arkane-Titeln auch schleichend weiterkamen beharrt man in „Wolfenstein Youngblood“ trotz Tarnanzug auf clevere KI-Gegner, die nahezu jede Bewegung im 3 Meter Radius erahnen und anschließend angreifen. Nervig wird es, wenn uns manche Aufträge kreuz und quer durch die Stadt lotsen und jedes Mal die gleichen Gegner respawnen. Auch, wenn man Gebiete gar nicht neu lädt.

Wolfenstein Youngblood

Classic

Weniger Klasse statt Masse

Die Aufträge an sich sind rudimentär. Töte General XY, suche nach Akte A und bringe sie zu Ort X. Nur selten spürten wir in schnellen Shootouts dieses bestimmte Shooter-Gefühl á la Wolfenstein. Enge Gänge, geschlossen verwinkelte Räumlichkeiten machte die Reihe aus. Was „Youngblood“ bietet ist weniger Klasse statt Masse. Dafür ist das Gameplay so intuitiv wie immer gehalten. Technisch basiert das Spin-Off auf der gleichen Engine – also iD Tech 6 – wie der Vorgänger „The New Colossus“. Solisten werden zwar Koop-Anspruch nicht allein gelassen und dürfen das Abenteuer auch mit einer KI-Partnerin erleben. Dies klappt überraschend gut. Nur die sich wiederholenden One-Liner gehen schwer zeitweise auf die Nerven. Pikant: Da die USK die Internationale Version mit Nazi-Symbolik (Hakenkreuze, Runen etc.) ab 18 Jahren bewertete darf sie erstmals auch hierzulande verkauft werden – leider weigern sich große Ketten und auch Online-Stores diese Fassungen aufgrund „sensiblem Inhalt“ zu verkaufen. Wir finden das schade, da gerade ein Blick in die ungeschnittene Version für viele deutsche Spieler sicher interessant wäre. Also achtet beim Kauf unbedingt darauf. Hinweis: Für unseren Test stellte Bethesda die zensierte Version zu Verfügung.

Unser Fazit zu „Wolfenstein Youngblood“

Bereits die Vorankündigung ließ mich hinsichtlich etwas zittern. Ein neues Wolfenstein nur für Koop-Spieler? Das neue Abenteuer ist letztlich nicht so schwach wie erwartet – jedoch auch längst nicht so gut wie die Teile von MachineGames. Zu offen sind Levels, zu lahm die Story erzählt und sonst gibt es nur wenig denkwürdiges im Spiel zu entdecken. „The Old Blood“ (auch XXL-DLC) bewies hier mehr Mut. Doch die stetig ähnlichen Missionstypen gepaart mit dauernd respawnenden Gegnern in unnötig großen Gebieten reizt am Spielspaß. Für Shooter-Fans halbwegs geeignet – die anderen warten auf Wolfenstein Teil 3.

Entwickler: Arkane Studios/MachineGames | Preis: 39,99 Euro | Für PlayStation 4, Xbox One, Nintendo Switch und PC | USK: ab 18

Mehr Informationen zu unserem Wertungssystem findest Du hier.

„Sea of Solitude“ im Test

Sea of Solitude
© EA

„Sea of Solitude“ aus unseren Breitengraden ist durch und durch besonders. Im Spiel begleiten wir die Reise einer einsamen Frau, die sich grotesken Monstern erwehren muss. Doch zwischen den Zeilen spricht uns das Spiel direkt an. Unsere Review zum EA Original.

Bewegend und leidenschaftlich

Videospiele, die sich ernsthaft mit psychologischen Erkrankungen beschäftigen gibt es nicht allzu häufig. Man denke an das starke „Hellblade: Senua’s Sacrifice“, dass sich nur durch den eigenen Vertrieb von Entwickler Ninja Theory sich unverblümt und mit voller Härte dem Thema Schizophrenie widmen konnte. Unweigerlich klangen Stimmen auf – mal mehr oder weniger negativ. Aber die Art und Weise erschütterte den Spieler bis ins Mark. Etwas leichtfüßiger stellt sich die deutsche Entwickler Cornelia Geppert dem Thema. Jedoch etwas anders. In „Sea of Solitude“ geht es vielmehr um die Auswirkungen von ausgesprochenen Worten in der Gefühlswelt der Protagonistin. Ohne große Einleitung entwickelt sich ein emotionales Abenteuer sowie eine Geschichte über Einsamkeit und Depression. Wir schlüpfen in die Haut einer mit pechschwarzem Fell und feuerroten Augen ausgestatteten Frau. Gänzlich allein im Boot treibend erreicht unsere Figur namens Kay eine untergegangene Stadt. Venedig war hier wohl die stilprägende Vorlage. Geppert will mit ihrem Spiel zeigen, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Dies gelingt ihr in kurzen fast schon furchterregenden Augenblicken. Unvermittelt färbt sich der Himmel dunkel, es regnet und ein gefrässiges Monster im Wasser wartet nur auf unseren Fehltritt. Zuvor ruft uns das Monster Vorwürfe entgegen wie „Du tust nie etwas!“ oder auch „Jede deiner Entscheidungen ist kompletter Mist!“ – mit Kay versuchen wir auf Dächern und Terrassen Auswege bzw. Tore zu öffnen um letztlich dank jederzeit verschießbaren Lichtkugeln die Kreaturen zu besiegen. Vorerst. In insgesamt 12 Kapiteln und fünf Stunden Spielzeit macht auch das Spiel etwas mit uns. Es deprimiert, baut uns wieder auf um uns gleich wieder gefühlstechnisch niederzustrecken. Eigentlich wie das Leben selbst. Geppert verarbeitet hier mutmaßlich eigene Sequenzen ihres Lebens auf höchst schonungslose Weise. Dafür gilt ihr Respekt. Das Gameplay ist dafür mehr als klassisch. Wir rennen und hüpfen mit Kay über Vorsprünge und aktivieren Schalter. Das ist zwar anfänglich ganz spaßig ermüdet jedoch zunehmend. Grafisch bedient sich an der Grafik-Engine Unity verpasst sich aber einen schick verträumten Comic-Look. Die Umgebung ändert sich jedoch regelmäßig und bringt so frischen Wind ins Trauma-Abenteuer. Anfangs noch mit unter Wasser stehenden Bauten, später mit kleinen Innenräumen und im letzten Drittel mit urbanen Settings.

Keine Wertung zu „Sea of Solitude“

Es hat seinen Grund weshalb vor dem Beginn gewarnt wird, dass dieses Spiel psychologisch dem Spieler zu schaffen machen könnte. „Sea of Solitude“ ist kein abwechslungsreiches oder gar revolutionäres Unterfangen. Nein, dieses Spiel überraschend aus dem Hause EA ist ein hochemotionaler Trip in die menschlichen Abgründe voller Angst, Zweifel und Einsamkeit. Das Abenteuer von Kay gilt vielmehr als Metapher für das Menschsein generell. Es ist tatsächlich gelungen ein besonderes Erlebnis ohne heischerische Effekte zu bieten.

Aus diesem Grund behalten wir uns die sonst verpflichtende Wertung vor.

Entwickler: Jo-Mei Games | Preis: 19,99 Euro | Für PlayStation 4, Xbox One und PC | USK: ab 12

Crash Team Racing Nitro-Fueled im Test

Crash Team Racing Nitro-Fueled
Crash Team Racing Nitro-Fueled

Ein PS One-Klassiker in visuell zeitgemäßer Fassung – Crash Team Racing Nitro-Fueled ist bunt, actionreich und teilweise bockschwer. Reicht dieser Mix um den ewigen König Mario Kart vom Thron zu stürzen? Unser Test verrät es euch.

Zwischen Rennspaß und Kugelbomben

Crash Bandicoot überholt in seinem Kart Dr. Neo Cortex und wird kurz vor dem sicherem Sieg mit einer Kugelbombe getroffen. So endeten oftmals unsere Rennrunden im vollkommen runderneuerten „Crash Team Racing Nitro-Fueled“ von Entwickler Beenox. Während das Original noch von Naughty Dog stammt und damals mit frechen Ideen punktete setzt man heutzutage auf das Auffrischen von alten Erinnerungen und neuen jungen Spielern. Amüsant ist sicherlich, dass schon damals der ewige Kampf zwischen Fun-Racern und Mario Kart entbrannt ist. Studio Beenox hielt sich jedoch an die zeitlose Vorlage – versetzte den Racer aber mit zeitgemäßer Grafik in unsere Zeit. Mehr denn je explodieren TNT-Kästen leuchtender während manche Strecken gar aus Pixar-Filmen entstammen sein könnten. Man ruhte sich darauf nicht aus sondern werkelte am titelgebenden „Nitro-Fueled“-Mode, den jeder Spieler gleich zu Anfang anwählen kann. Oder die klassischen Kampagne – wobei sich beide Modi die selbe Storyline teilen.

Kurz zur Handlung: Der Außerirdische Nitros Oxide fordert alle Charaktere der Crash-Welt auf in seinem galaktischen Grand Prix teilzunehmen. Falls er gewinnt, will er die Welt unterjochen. Natürlich kann das nicht zugelassen werden und so schmeißen sich alle ins wuselige Renngetümmel. Detailreich nahm sich Beenox diese Zwischensequenzen an und verpackt sie als amüsant gestaltete Kurzfilme. Statt langweiligem Menü gibt fahren wir in einer Hub-Welt die jeweiligen Strecken oder Bossgegner an. Starten wir noch am N-Sanity-Strand entdecken wir später noch Wüsten- sowie Eisbahnen. Ganze 31 Strecken seht im Verlauf des Spiels. Im Vergleich zu anderen Fun-Racern unterscheidet sich „Crash Team Racing Nitro-Fueled“ im Gameplay. Mit anspruchsvollen Power-Slides nehmen wir Kurven schneller. Wumpa-Kisten enthalten Power-Ups die jedoch durch die Anzahl der eingesammelten Wumpa-Früchte entscheiden. Diese sammeln wir nebenbei im Rennen ein. Wie im Original hat CTR eine unheimlich steile Lernkurve – meistern die selbst Neulinge noch die ersten Pisten spielend sind Frustanfälle vorprogrammiert. Dies liegt neben der recht unfairen Gegner- auch an der Gummiband-KI. Selten sind wir vorne mit Vorsprung. Einerseits will man die stetige Spannung aufrechterhalten, andererseits nervt das Spieler schnell.

Crash Team Racing Nitro-Fueled

© RobVegas.de

Grafisch hat Beenox geglotzt statt gekleckert und farbenfrohe Spielwelten voller amüsanter Kreativität geschaffen. Sei es ein röhrenförmiges Aquarium oder durch eine steinige Burg. Die flotten Rennen sind jederzeit sehenswert. Der neuartige „Nitro-Fueled“-Mode lässt uns unser Kart individuell gestalten. Die über 15 Fahrer haben Stärken und Schwächen. Von speziellen Reifen oder Fähnchen ist alles enthalten. Keine Angst, dadurch wird es kein „Project Cars“. Zu verschiedenen Zeiten haben wir den Online-Mode gespielt – es herrschen trotz Updates fast immer Probleme. Mal funktioniert das Matchmaking schleppend, dann bricht mitten im Rennen das Match ab. Beenox muss hier wirklich nochmal nacharbeiten. Offline gibt es neben wenig Kantenflimmern und Framerate-Einbrüche (bei bereits 30fps) nicht allzu viel zu bemängeln. Schön: Wir können bei guten Leistungen neue Strecken sowie Kartfiguren wie Spyro freischalten. Das Spiel lädt also zum mehrfachen Durchspielen ein.

Unser Fazit zu „Crash Team Racing Nitro-Fueled“

Nach den drei gelungenen runderneuerten Solo-Abenteuern von Crash Bandicoot ist es schön, dass Activision sich auch am Fun-Racer der Serie versucht. Klar, die grafischen Neuerungen sind gerade für Nostalgiker ein Kaufgrund – aber Beenox scheiterte daran den Schwierigkeitsgrad fordernd aber nicht frustig reifen zu lassen. Oftmals ärgerlich. Denn das saubere Gameplay entfaltet nur mit viel Eingewöhnung den vollen Spielspaß. Insgesamt macht aber der Ausflug zum Oxide-Grand Prix genug Freude um zu überzeugen.

Entwickler: Beenox | Preis: 59,99 Euro | Für PlayStation 4, Xbox One und Nintendo Switch | USK: ab 6

Mehr Informationen zu unserem Wertungssystem findest Du hier.

Dreams | Eine traumhafte Preview zum Ausnahmespiel…

Dreams
© PlayStation

Wenn ein Spiel beweist, dass Träume keine Schäume sind – ist es das kommende PS4-exklusive Sandbox-Game „Dreams“ vom Studio Media Molecule. Die „Little Big Planet“-Macher servieren uns statt laue Level gleich einen umfangreichen Game-Editor.

Ein Traum im Traum

In diesen Tagen erscheint für die Nintendo Switch das hochgelobte „Super Mario Maker 2“ – im Grunde ein simpler Level-Editor mit verschiedenen Designs aus dem Mario-Universum. Doch was wäre, wenn ein Studio uns abseits einer Marke die komplette kreative Freiheit schenkt? Media Molecule unter anderem für ihre „Little Big Planet“-Serie weltweit angesehen wagt das mutige Experiment. Seit Mitte April dürfen Hobbyentwickler die heißerwartete „Early Access“-Version von „Dreams“ im Store erwerben. Hierbei handelt es nicht klassischerweise nicht um ein Action-Adventure oder gar Plattformer. Es kann nämlich alles sein. Jegliches Genre ist möglich. Begrüßt werden wir charmant vom gesamten Team und eine nicht minder freundliche Stimme verrät uns die Steuerung. Mit der LED-Leiste des Dualstock-Controllers bewegen wir den flauschigen Cursor zum kompatiblen Dingen. Anfangs ungewohnt wechseln wir bald in Windeseile von Kegeln zu kleinen Figuren. Je nachdem was wir oder die wachsende Community ihren Spielern zur Verfügung stellt. Das ist auch die Besonderheit an „Dreams“.

Eine Vielzahl an überaus begabten Levelarchitekten bauen schon jetzt in der Beta-Phase beeindruckende spielbare Projekte. Sie reichen von kleinen Ideen – wie das Ende eines Anhang hochzulaufen um entgegenkommende Felskugeln auszuweichen. Wenige Augenblicke später finden wir uns in deftigen Shootouts im futuristischen Sci-Fi-Setting wieder. Natürlich finden sich im Level-Pool auch Kopien echter Spiele. Zombies umballern in Racoon City? Kein Problem – ein Klon von „Resident Evil 2“ findet sich gleich neben der Bikini Bottom-Open World. Ob es diese Projekte ins fertige Spiel schaffen bleibt rätselhaft. Dennoch Wer lieber selbst an Ideen werkeln will sollte sich schon mal einige Stunden für die Einarbeitung Zeit nehmen. So kreativ die schlussendlichen Demos sind – so komplex ist der Editor. Während ihr im „Super Mario Maker“ quasi das Grundgerüst steht, muss man in Dreams bei 0 beginnen. Dafür besitzt ihr jeglicher Freiheit. Lichtstimmungen in Nuancen setzen. Wand- und Bodentexturen frei bestimmen. Jedoch brachen wir bei zwei von sechs Lektionen im Tutorial ab. „Dreams“ wird keinesfalls den Mainstream ansprechen können, obwohl die Entwickler eine spielbare Kampagne mit Zwischensequenzen planen. Der Großteil der Käufer darf sich an wahnsinnig zeitintensiven Projekten der Architekten erfreuen.

Ein ausführlicher Test zur fertigen Version folgt im Herbst 2019.

Entwickler: Media Molecule | Preis: 29,99 Euro | Für PlayStation 4 | USK: ab 0

„Days Gone“ im großen Test

Days Gone Review

Rabiates Horrordrama im zombie-verseuchten Oregon: Entwickler Bend Studio offenbart in seinem PS4-Debüt viele Vorbilder aus dem eigenen Haus. Während Story & Gameplay gelingen, zeigen sich ungewöhnlich starke technische Probleme. Kostet dieser Aspekt dem Sony Exklusivtitel am Ende den Kopf?

Die Sonne geht langsam unter. Es war ein harter Tag. Bereits der röhrende Motor mit seinem unstillbaren Verlangen nach Benzin zeigt erste Ermüdungserscheinungen. Genauso wie der Fahrer. Deacon St. John. Ein Outlaw-Biker wie aus dem Buche. Lederkutte, Tattoos an Armen, Hals und Brust und die Waffen am Gürtel. Die Welt um ihn herum ist grausam. Vielleicht war sie schon immer so. Aber früher gab es wenigstens noch keine unerklärliche Seuche. Nur die Suche nach seiner Lady hält ihn auf dem Bike. Nichts weiter.

Garant für gute Spiele

Exklusivtitel von PlayStation sind für Core-Gamer feststehende Termine im vollgepackten Releasekalender. Neben der jährlichen Vielzahl an neuen Teilen von bekannten Shooter-Serien oder Sport-Spielen sind die storybasierten Games aus dem Hause Sony ein Grund sich virtuell fallenzulassen. Einen Blockbuster erleben. Figuren abseits des Stereotyps erleben. „God of War“ gelang trotz 360 Grad-Kehrtwende das Kunststück langjährige Liebhaber und neue Fans gleichermaßen ins Boot zu holen. Und Hauptfigur Kratos mehr Persönlichkeit einzuimpfen. Oder „Marvel’s Spider-Man“ von Insomniac Games. Ein großartiges Lizenzspiel nach Comic-Vorlage mit der nötigen Leidenschaft sowie toll geschriebener Story um zu begeistern. Nun sollte das, durch den hervorragenden PS Vita-Exklusivspiel „Uncharted: Golden Abyss“ in Erscheinung getretene, Bend Studio ihre große Chance für ein noch größeres Triple-AAA-Spiel erhalten. „Days Gone“ sollte bereits Anfang 2018 erscheinen wurde jedoch immer wieder nach hinten verschoben. Nach einigen Spielstunden erschließt sich wieso der lange Vorlauf sein musste. Dazu später mehr.

Im Fokus von „Days Gone“ stehen die Drifter-Gefährten Deacon St. John und Booze. Beide haben sich mit der gnadenlosen Welt, die einerseits aus Camps mit völlig idealistischen Anführern besteht und sogenannten Freakern, von einem unbekannten Virus befallenen Menschen, die meist in Horden jedes andere Lebewesen angreifen – arrangiert. Als Kopfgeldjäger verdingen sie sich um genug Ersparnisse für ihre anstehende Reise in den Norden zu verdienen. Doch der schmerzhafte Verlust von Sarah, Deacon’s verstorbener Frau, hält sie ebenso wie viele andere Probleme noch davon ab. Die Entwickler lassen anfangs lange im Unklaren, welche Camps es gibt oder als Feind von beiden angesehen wird. Charaktere tauchen gerne auf, sprechen rätselhafte Sätze um nach längerer Zeit eine wichtige Rolle einzunehmen. Kleine Vorwarnung: Nehmt euch Zeit. „Days Gone“ bietet mindestens 40 Stunden Story und hier sind noch keine Nebenmissionen aufgeführt. Bend Studio verlässt sich auf die Neugier der Spieler. Spielwelt von Oregon erkunden und kleinere Boten-Aufträge absolvieren um sich langsam Richtung Storyline vorzuwagen. Dennoch überraschen einige Handlungsstränge. Per Funk halten wir stets Kontakt und bekommen neue Infos. In Zwischensequenzen, gerne von kurzen aber vielen Ladezeiten unterbrochen, erfahren wir mehr über Motivation sowie Wesenszüge unserer Auftraggeber. Das macht überaus menschlich reizt aber in einigen Momenten das volle Potenzial nicht unbedingt aus. Unsere Missionen bestehen meist aus Kopfgeldaufträgen, Finden von speziellen Gegenständen oder Plünderercamps ausräuchern. Während die ersten 2/3 des Spiels da recht erwartbar sind ändert sich dies schnell im letzten Akt, in dem wir zu völlig neuen Orten springen sowie frische Figuren vor uns haben. Mutig. Zumal die Figuren glaubwürdig erscheinen und uns in manchen Augenblicken sogar emotional packen. Nur die vordergründige schwach kritisierte Biker-Thematik könnte Spieler verschrecken.

Deacon Oregon Knight

Während die Handlung eine gute Figur macht ist das Gameplay von „Days Gone“ typisch gehalten. Per Ringmenü (hier Überlebensrad genannt) sortieren wir Waffen, basteln neue Medizin oder Wurfwaffen wie Granaten. Zu Anfang vielleicht etwas überbordend arbeitet ihr euch recht schnell ein. Nur die Shooter-Mechanik wirkt stellenweise zu hakelig und nervt in offenen Gefechten mit Plünderern. Das Waffenarsenal ist klein aber fein. Repetiergewehre, Pistolen, Maschinengewehre und Scharfschüzengewehre bilden den spielerischen Kern. Durch die offene Spielwelt bewegt ihr euch größtenteils mit eurem Bike. Volle Tanks sind also wichtig – Benzin findet ihr immer an festgelegten Punkten auf der Karte. Mit gesammeltem Schrott repariert ihr Schäden durch Crashs oder Freaker-Angriffe. Im weiteren Spielverlauf bessert ihr das Bike bei Mechanikern in verschiedenen Camps auf. Munitionsstände sind ebenso vertreten. Deacon bezahlt mit verdienten Camppoints nach erfolgreich absolvierten Missionen. Besserer Motor, stärkere Bremsen und Lachgas-Einspritzung sind bald unverzichtbar. Oftmals entschleunigt das Spiel spürbar, damit Deacon in regelmäßigen Kopfgeldmissionen Feinde anhand von Fußabdrücken aufspüren kann. Trotzdem lauern euch jederzeit Freaker in verschiedenen Typen auf. In verlassenen NERO-Stützpunkten findet ihr nach etwas Arbeit auch direkte Charakterverbesserungen in Form von Spritzen. Ausdauer, Energie oder Konzentration werden somit pro Injektion deutlich gesteigert. Auf Hirnschmalz-erforderliche Rätseleinlagen wird konsequent verzichtet. Die USK hat mit gutem Recht den Horrortitel erst ab 18 Jahren freigegeben. Viele darin vorkommende Szenen sind drastisch und viele Kills werden blutig ausgespielt. Zumal Themen wie Drogenkonsum oder Gangkriminalität nicht unkommentiert bleiben.

Die Entwickler von Bend Studios hatten schon recht, in dem sie versprachen, dass Alles in der Spielwelt von Oregon uns ans Leder will. Seien es gewaltbereite Plünderer, schreiende Freaker oder selbst nicht infizierte Bären. Alles will Deacon töten. Von Zeit zu Zeit geraten wir auch in Hinterhalte, was oft den unsanften Abstieg vom Bike erfordert und das Säubern des Camps bedeutet. Grafisch beeindrucken scharf detaillierte Straßenzüge voller Autowracks oder purer Natur. Sonnenstrahlen scheinen frech durch Baumkronen während der halb zerstörte Asphalt Reflexionen freigibt. Egal, ob wir staubtrockene Gebiete oder verschneite Gebiete durchfahren jeder Untergrund hat seine Tücken. Gerade der anfänglich starke Spritverbrauch eures Bikes lässt euch oftmals genervt zurück weil er den natürlichen Flow unterbricht – offenbart aber die realistische Problematik. Hier beginnt auch so manch negativer Aspekt. Nach gefühlt zehn bis fünfzig Mal hin und her fahren von Auftraggeber A zu Auftraggeber B ist euch der Weg hinlänglich bekannt und reine Fleißarbeit. Die Schnellreise-Funktion ist hier durch viel zu lange Wartezeiten leider obsolet. Ab Mitte der Handlung konzentriert sich der Hauptstoryfaden zum Glück an einen festen Ort. Bis dahin zieht sich das Spiel etwas. Obwohl die reine Spielwelt nicht allzu zu groß ist. Der Zusammenschluss vieler Freaker ergeben eine Horde, die tatsächlich die größte Gefahr im Spiel darstellen. Entweder hat Deacon einen guten Plan oder als einzige Option bleibt wegrennen. Sehr schnell. Erst gegen Ende gilt es gleich mehrere Horden den Garaus zu machen, jedoch übertreibt man es dann mit Frequenz der Horden-Begegnungen etwas.

Kennt ihr das, wenn ihr etwas unbedingt lieben wollt aber ständig ungewollte Komplikationen diesen Prozess verhindern? In Songs vielleicht ungewollte Solos oder in Filmen nervtötende Schauspieler? In „Days Gone“ sind es die allzu häufig auftretenden Bugs. Technisch ist nämlich das Spiel reichlich schwach auf der digitalen Brust. Erschreckend, da ja gerade PlayStation als Publisher hier bekanntlich penibel auf das abschließende Polishing achtet. Also Tearing, mehrmalige Dropfreezes oder gar unaufgelöste Texturen. „Days Gone“ bietet davon fast alles. Auch nach gefühlt 15 Updates am ersten Wochenende. Beispielsweise folgen wir Campleiter Iron Mike durch ein Gebiet und prompt hindert uns eine unsichtbare Wand vor dem Weitergehen – während das Gespräch natürlich läuft. Nur ein Neustart hilft hier. Erschwerend kommen asynchrone Zwischensequenzen dazu. Abstürze gab es in unserem Test zum Glück nicht. Die Vielzahl solcher Makel sind nicht selten, dennoch gibt „Days Gone“ solch ein hohes Niveau vor, dass sowas umso deutlicher auffällt. Bis auf ein-zwei solch prekäre Situationen konnten wir normal weiterspielen. Ein Multiplayer ist nicht vertreten. Der Score bestehend aus sanften Gitarrenklängen, treibenden Geigenstücken unterstreicht wichtige Storymomente mit perfekter Präzession. Das Hauptthema bleibt hängen und erinnert an die traurig melancholischen Stücke aus dem „The Last of Us“-Soundtrack.

Unser Fazit zu „Days Gone“

„Days Gone“ macht etwas, was leider viel zu wenige Spiele heutzutage noch tun – den Spieler ernst nehmen. Keine hinterlistigen Ideen oder halbherzige seelenlose Storylines. Nein, Bend Studio reißt mich von der Couch in eine düstere Welt voller Argwohn und unsicheren Versprechen. Deacon St. John erlebt eine wahrhafte Odyssey mit gefräßigen Infizierten als Beilage. Positiv sind die menschlichen Figuren mit echten Problemen abseits des typischen Videospiel-Kosmos hervorzuheben. Einmal mehr dürfte man für diese grandiose Weiterentwicklung den Jungs & Mädels von Naughty Dog danken. Trotz technischer Defizite und teils heftiger Grafikausfälle ist „Days Gone“ gerade für Solisten mehr als einen Blick wert.

Entwickler: Bend Studios | Preis: 69,99 Euro | Für PlayStation 4 | USK: ab 18

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