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Filmkritik zu Joker – Psychogramm des Grauens

© Warner Bros.

Joker: Todd Philips zeichnet mit ruhiger Hand ein gewaltsames Psychogramm eines Mannes ab, den die Gesellschaft zu Unrecht ignorierte und taucht seine albtraumhaften Bilder in kühle Blautöne, in denen Hauptdarsteller Joaquin Phoenix zur absoluten Höchstform aufläuft.

Glückseligkeit

Es gab einen Moment. Es gab genau einen Moment, in dem Arthur Fleck Glückseligkeit empfand. Als er in Gedanken von Showmaster Murray Franklin als „wunderbaren Sohn“ bezeichnet wurde, für den er seine Late-Night und all jenes verführerische Showbusiness aufgeben würde. Die Figur des womöglich furchteinflößendsten Antagonisten der „Batman„-Comicreihe ist zweifelsohne der Joker. Unberechenbar und das Gesicht zur grausamen Fratze geschminkt treibt er in Gotham City sein Unwesen. Doch das neueste Werk von „Hangover“-Mastermind Todd Philips behandelt die Jahre davor. Vor dem endgültigen Verlust des gesunden Menschenverstandes von Arthur Fleck. Martin Scorsese war nur bei Beginn kurzzeitig involviert hinterließ jedoch bleibenden Eindruck. Dies liest sich insofern, da das Sozialdrama an ein aktuelles „Taxi Driver“ mit gehörigen Einflüssen des leider viel zu unbekannten „King of Comedy“, ebenfalls von Scorsese, erinnert. Durch die Verpflichtung von Robert De Niro, der hier einmal mehr oscarreif spielt, ist dieser Film weit davon entfernt überhaupt mit Comics etwas zu schaffen zu haben.

Trostlosigkeit

Die Handlung ist zeitlich im Jahr 1981 angesiedelt: Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) fristet ein trostloses Leben. Er pflegt seine Mutter, lebt mit ihr in einer heruntergekommenen Wohnung. Die einzige Freude gewinnt er durch die Arbeit als Partyclown, wobei er mehrmals von Jugendlichen in den Seitengassen von Gotham City verprügelt wird. Flecks Geisteskrankheit wird durch die ständigen Demütigungen immer schlimmer. Obwohl er schon sieben Psychopharmaka gleichzeitig einnimmt, halten das nicht seine hysterischen Lachanfälle zurück, die selbst in unpassenden Situationen auftauchen. Durch einen Arbeitskollegen bekommt Arthur einen Revolver geschenkt, der sogleich zum Einsatz kommt als ihn drei Wallstreet-Yuppies in der U-Bahn angreifen. Durch diese Tat löst Fleck unbeabsichtigt eine Bewegung aus, die gegen die Oberschicht aufbegehrt und Gewalt als einzige Option kennt. Die Storyline hebt sich von allen bisherigen Comics zur Figur aus dem Batman-Universum ab. Regisseur Todd Philips stellt sich bewusst gegen die standartiserte „Heile Welt“-Erzählung von Marvel und präsentiert die Geschichte in kühler fast schon nüchterner Optik. In bläulichen Bildern getaucht zeigt man das sonst hippe New York als heruntergekommenes Gotham City, in denen das Fernsehen vor „Superratten“ warnt und sich die Gesellschaft immer weiter spaltet. Am Schluss versteht man ihn als moderne Gewalt-Interpretation, die Anklänge an das „New Hollywood“ der 80er Jahre anstimmt.

Wut

Mehrmals bleibt die Kamera am Gesicht von Phoenix förmlich kleben. Sie will gar die Gedanken aufsaugen, die sich im Kopf des Mannes abspielen. Unterbrochen von stetigen Lachanfällen, die die gesamte Dramatik des „Jokers“ ausmachen. Als Zuschauer weiß man erst gegen Schluss, ob sich gesehene Situationen tatsächlich so abspielten oder reine Wahnvorstellungen waren. Phoenix mimt den Charakter mit solch einer emotionalen Wucht, dass eine Oscar-Auszeichnung hier nur ein Mindestmaß an Auszeichnung darstellt. Er wechselt zwischen positiv beseelt, sarkastisch und vollkommen irre spielend umher. In Sachen Brutalität überlässt man viel der rein psychologischen Grausamkeit, ehe man in kurzen Gewaltexzessen verschiedene Grenzen auslotet. Laut Twitter sind einige Zuschauer in den USA aus dem Saal gerannt, da das Gezeigte hier ihnen zu viel war. Mag man nachvollziehen. Aber, dass die Origin-Story des clownsgesichtigen Verbrechers keine heitere Märchenstunde wird, dürfte klar sein. „Joker“ ist ein zutiefst deprimierender Film, der durch den hervorragenden Score von Hildur Guðnadóttir mit bedrückenden Klängen die Gemütslage aller Figuren perfekt untermalt. Und den bekannten Gassenhauer von Frank Sinatra „That’s Life“ als Aspekt für mehrere Querverweise zu verwenden ist wirklich clever.

Unser Fazit zu „Joker“

Kein seichter Stoff á la Marvel. Todd Philips, auch als Drehbuchautor, einen Film mit Ecken und Kanten, der sein Publikum fordert. Es ist eine mit bläulich kühler Optik versehene Abrechnung mit einer Gesellschaft, die ausschließlich von Reichen dominiert wird und Ärmere an den Rand drängt. In der Meta-Ebene eine gewaltsame Anklage, die Figuren wie den Joker erst wahr werden lässt. Die Melange aus „Taxi Driver“ und „King of Comedy“ ist schon jetzt ein verdammtes Stück Zelluloid-Geschichte. Danke für den Mut, DC.

Joker. USA 2019. Regie: Todd Philips. Mit Joaquin Phoenix, Zazie Beetz, Robert De Niro. 122 Minuten. Ab 16 Jahren.

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Benny Illgner

Nachname hielt schon Fußbälle auf. Ich bisher nur virtuell. Sitzt seit 2005 in Digitalien fest und wartet auf den Pannendienst. Steht in fester Beziehung mit Twitter und Facebook. Schreibt Gags fürs Netz und Fernsehen. Nimmt gedeckte Schecks und Pizza gerne auf Twitter unter @IamIllgner an.

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