Das Problem mit der Quote bei Amazon und Netflix

Amazon und Netflix stellen großartige Serien vor und lehren aktuell die klassischen TV-Sender das Fürchten. Der komplette Markt für Bewegtbildinhalte verändert sich hin zum Videostreaming. Wir erhalten „persönliche“ Empfehlungen und können selbst über die Fortführung von Serien nach einer Pilotfolge abstimmen. Im Code der Dienste schlummert aber auch ein Problem.

Mutige Projekte von Amazon und Netflix

Die neuen Serien sind oft ein Hype in den Medien. „Hast Du schon Serie XY bei Amazon/Netflix gesehen?“. Da entstehen gerade brillante Inhalte und komplett neue Marken, welche vielleicht zehn Staffeln über die Jahre erhalten werden. Hier hat man das klassische Fernsehen schon abgehängt. Die neuen Stars entstehen bei den Streaminganbietern. Selbst Stars aus Hollywood nutzen die Chance hier sehr viel Zeit auf dem Schirm in guten Drehbüchern zu bekommen. Das ist alles schön und gut und liegt bei den jungen Menschen total im Trend. Es ist eine Revolution und in wenigen Jahren wird Amazon sein eigenes Filmstudio haben und auch in Hollywood mitmischen. Das ist ganz normal. Alte Player verschwinden und neue Player kommen auf das Feld. Allerdings ist diese neue Ära nicht nur durch die tollen Serien geprägt. Alles wird dank dem Internet auch bis in die letzte Sendesekunde messbar. Darin könnte sich eine Gefahr verstecken, welche sich erst in ein paar Jahren auch auf dem Schirm bemerkbar machen wird.

Was funktioniert? Davon bitte mehr!

Amazon und Netflix können jeden Nutzer analysieren. Was schaut er gern? Wann hat er die Serie abgebrochen? Welche Stellen in der Staffel haben bei vielen Nutzern zu einem Abbruch geführt? Man kann die eigenen Inhalte analysieren und wird sie optimieren wollen. Lange Dialoge führen zu Abbrüchen bei den Zuschauern? Dann sollen die bitte in der kommenden Staffel nicht mehr so lange miteinander reden. Dafür bitte mehr Witz und Action an diesen Stellen. Das hat noch niemand in den Chefetagen so als Befehl formuliert, aber zum ersten Mal können die Anbieter ihre Nutzer und die Sehgewohnheiten genau analysieren und werden es sicher tun, um das eigene Angebot zu optimieren? Es wird auch über die Fortsetzung von Serien entscheiden. Nur noch 30.000 Menschen haben Folge 5 von Staffel 2 gesehen? Sofort einstellen und eine neue Serie erfinden, welche den breiten Geschmack unserer Nutzer besser trifft. Was ich damit im Kern meine? Die Analyse der Daten könnte auf Dauer zu einer Art „perfekten Serie“ führen, welche aber so langweilig wie die jährlichen Updates zu erfolgreichen Computerspielen sind. Aktuell vertraut man einfach den coolen Ideen und produziert mit vergleichsweise wenig Budget tolle Hits. Ist die Mehrheit der Zuschauer erst einmal mit Abo im System, so wird man mit den verfügbaren Daten sicher auch eine Art von neuer Programmplanung machen wollen. Darin könnte aber eine große Gefahr für jene Inhalte liegen, weil sie sich der Auswertung unterwerfen müssen. Schon drei Minuten kein Gag? Dann muss der ins Drehbuch, weil der Code es so will.

Battlefield 15,16,17

Der Programmcode sieht mit den Statistiktools nur den Erfolg und leitet daraus Empfehlungen ab. Künstler sind das genaue Gegenteil davon. Sie wollen ihre Idee für eine Serie verwirklichen. Aktuell sind Amazon und Netflix noch die Rebellen bei den Bewegtbildinhalten. Das könnte sich schnell ändern, wenn ihre Macht wächst. Ich bin selbst ein großer Freund der neuen Serien von den Streaminganbietern, doch sehe ich die Gefahr in der genauen Analyse der Sehgewohnheiten der Nutzer. Diese Analyse könnte im schlimmsten Fall zu immer mehr „gleichen“ Serien führen, welche nach einem perfekten Muster ablaufen. Das sehen wir heute schon bei den Computer- und Videospielen. Lieber ein Aufguss des beliebten Franchises, als ein gewagtes Projekt mit nur einer guten Idee. Der Erfolg von Amazon und Netflix liegt aktuell noch im Rebellentum. Sie lassen anscheinend den Drehbuchschreibern und Produzenten viel freie Hand. Daher wirken die Endprodukte frisch und spannend. Ich sehe nur die drohende Gefahr, dass sich diese Situation mit mehr Erfolg auf Dauer umkehren kann, weil man zum ersten Mal in der Geschichte ein enormes Maß an Daten der Zuschauer erhält. Theoretisch kann man damit jede Sekunde im Drehbuch analysieren, bewerten und Änderungen vorschreiben. Produziert wird dann nur noch, was einem Großteil der Nutzerschaft auch garantiert gefallen wird. Das könnte wiederum zu einem sehr langweiligen Programm führen, weil man irgendwann als Zuschauer die immer gleichen Rezepte in den Inhalten erkennt.

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Seit 2003 aktiv im Web. Vorher nur bei Napster mit ISDN-Flatrate. Kenne noch Disketten. Blogger, Autor und Moderator. Twittere nebenbei als falscher Harald Schmidt unter @bonitotv. Führe wichtige Telefonate noch per Festnetz.

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  • oktarinen

    solange streaming Angebote nicht pay per view machen, und das machen die meisten nicht. stimmt das nicht.
    weil nur weil ich es jetzt abbreche und dass dann in 2 Wochen noch mal gucken, heißt ja nicht dass was mit der Episode nicht stimmt.
    vielleicht weint mein Baby, oder die Suppe kochte über, oder oder oder.
    Ich denke, wenn die Streaming Dienste diese neuen Daten clever nutzen, können wir uns freuen auf noch mehr solche Sachen wie Big Bang Theory oder Breaking Bad.

    • Das ist auch kein aktuelles Problem, sondern eher als Sorge für die Zukunft formuliert. Sie haben die Daten und werden es irgendwann im großen Stil auswerten wollen. Darin liegt meine Befürchtung für die kommenden Produktionen.

  • LGPT

    Seltsamer Artikel. Wieso sollten Netflix & Co. ohne Not ihr bisheriges Erfolgsrezept verändern? Nur, weil es möglich ist? Da wird dann doch ziemlich viel Spekulation ohne Grundlage betrieben.

    „Aktuell vertraut man einfach den coolen Ideen und produziert mit vergleichsweise wenig Budget tolle Hits.“ – Bitte, was?
    Diverse Netflix-Serien gehören zu den teuersten Produktionen der Fernsehgeschichte, wo ist also das Budget „vergleichsweise gering“?

    • Es ist fürwahr eine Kolumne und basiert damit auf meinen Gedanken zum Thema. Diese „teuersten“ Produktionen sind aktuell nur mit der Finanzierung über die Ausstrahlung im TV möglich. Liest man sich Interviews mit Schauspielern und Produzenten durch, so bieten amazon und Netflix noch keine gigantischen Budgets, aber viel Freiheiten.

      Das Erfolgsrezept funktioniert aktuell und im Vergleich zum klassischen TV hat man einen niedrigen Marktanteil. Verändert sich diese Situation in den kommenden Jahren, so werden sich auch die Anbieter den breiten Geschmack der Masse treffen wollen. Dies mit den zugrunde liegenden Daten zu tun halte ich für gefährlich für die Drehbücher.