Wenn Nachrichtenseiten zu Blogs werden

Nachrichtenseiten
Nachrichtenseiten

Die Nachrichtenseiten im Netz haben dieser Tage genug Probleme. Woher die Reichweite nehmen? Wie kann man schnell auf die neuen Trends reagieren? Wie bezahle ich meine Redakteure über die noch mauen Werbeetats für das Netz? Mittlerweile bauen die Verlage ihre Angebote immer mehr zu heiteren Blogs um. Eine große Gefahr, weil Reichweite und Journalismus nicht unbedingt gut zusammen funktionieren.

Mit Nachrichten verdient man kein Geld mehr

Die Nachrichten gibt es heute gefühlt überall und auch in den RTL2 News. Es sind die Schlagzeilen aus Deutschland und der Welt. Man bekommt sie sogar ungewollt über irgendein Display am Bahnsteig in die Birne gehämmert. Man kann den „News“ gar nicht in der Öffentlichkeit entrinnen. Wie also in dieser Umwelt als Nachrichtenseite überleben, wenn Buzzfeed und Co. die User mit spannenden Headlines und lustigen GIFs bespaßen? Immerhin haben diese Angebote mehr und mehr Reichweite. Mundgerechte Inhalte, sowieso vorhandene Meinungen noch einmal auf ein Bild packen und die zehn geilsten Rezepte für Schokopudding sind einfach interessanter als der Börsenkurs in Tokio. Irgendwas mussten die Verlage und Redaktionen unternehmen. Ansonsten würden sie Klicks verlieren und wären nicht mehr sonderlich spannend in der Vermarktung. Es musste Buzz her. Fast jedes Verlagshaus in Deutschland hat heute seinen hippen Ableger, welcher meist so klingt wie ein veganes Gericht auf der Speisekarte beim Asiaten. Der Rest haut den Clickbait einfach direkt auf die Seite und nervt seine Nutzer mit Eilmeldungen, welche alle zwei Minuten über die App auf dem Display vom Smartphone angezeigt werden. Das Lustige? Du kennst jetzt schon die Namen der betreffenden Portale und Seiten, ohne das ich auch nur eine dieser Redaktionen beim Namen genannt habe.

Blogs als kostenloses Buffet

Auch Blogs spüren diese neue Ausrichtung der Nachrichtenseiten. Wir sind für die Redaktionen mittlerweile unbezahlte Scouts für guten Content, welchen man dann einfach übernimmt. Ordentlich Suchmaschinenoptimierung drauf und schon sind nach spätestens drei Stunden die Blogs mit ihren Artikeln zum Thema von der ersten Seite bei Google verdrängt worden. Ein Blog hat maximal fünf Stunden bis die Redaktionen ein gut laufendes Thema übernehmen. Danach machen die Nachrichtenseiten damit Reichweite und jagen es durch ihre Kanäle bei Facebook. Übrigens wird niemals ein Hinweis auf die Quelle bei den Nachrichtenseiten angegeben. Das hat man selbst entdeckt. Dabei machen sich die Verlage mit diesem Content selbst zum Blog. Vereinzelt liest man sogar schon die aus Blogs bekannten „Sponsored Posts“ bei den großen Nachrichtenseiten. Bei so manchem Angebot rücken die Nachrichten sogar mehr und mehr in den Hintergrund. Stattdessen bestehen sie zu 80 Prozent aus „Lifehacks“, „Virals“ und dem neuen Promiklatsch. Zu den TrashTV-Promis macht man dann einfach gleich 20 Artikel, denn immerhin bringen sie Klicks und man sammelt mehr Reichweite. Die Chefredakteure stehen hier natürlich im Wettbewerb und damit unter Druck. Das hohe Gut des Journalismus existiert nur noch in den Köpfen mancher Mitarbeiter. In der realen Welt sind die Redakteure und Journalisten oft nur noch Saftschubsen im Billigflieger vom Verlagshaus. Viel eher sind sie dazu aufgefordert Clickbait zu betreiben. Kurze Texte mit SEO-Optimierungen in jedem einzelnen Satz.

Ich kann als ADAC nicht frisierte Gebrauchtwagen anbieten und mich gleichzeitig als gelber Engel verstanden wissen wollen.

Der Ruf der Nachrichtenseiten ist ruiniert

Wer nimmt heute noch Focus Online als gute Nachrichtenquelle wahr? Wer empfindet den stern.de als tolle Nachrichtenquelle? Selbst Spiegel Online hat nicht mehr nur Bento als externe Buzzrampe im Angebot integriert, sondern wird auch täglich selbst im Angebot immer mehr zum Schüler von Bento. Man spürt es als Leser einfach. Damit lehne ich mich nicht einmal gegen diesen Trend auf. Als Blogger kenne ich die Mechanismen dahinter und nutze hier ebenfalls die Möglichkeiten zur Reichweitenoptimierung. Nur bin ich Blogger und kein Journalist. Ich sehe es sogar als echte Gefahr an, wenn sich Journalisten meiner Arbeit annähern. Dann könnten Blogger auch bald die Artikel bei SPON, Stern und Focus Online schreiben. Was übrigens schon mit den Kolumnen mehr und mehr stattfindet. Du hast Reichweite und Fame? Dann wirste bei uns schnell Kolumnist. Das ist aber gefährlich für den Journalismus. Ich kann als ADAC nicht frisierte Gebrauchtwagen anbieten und mich gleichzeitig als gelber Engel verstanden wissen wollen. Genau hier liegt die Gefahr für die Nachrichtenseiten. Hier wird gerade ein sehr gefährlicher Weg der Portale eingeschlagen, weil wahrscheinlich jüngere Mitarbeiter die Trends lieben und umsetzen wollen. Nur darf man nicht einfach Buzzfeed und Co. kopieren für Reichweite, sondern sollte sich viel mehr Gedanken um eine moderne Präsentation und Aufbereitung von interessanten Themen und Nachrichten machen. Wie kann man heute klassische und wichtige Nachrichten, Themen und Reportagen so aufbereiten, dass sie gelesen und geklickt werden? Das würde sehr viel mehr Gehirnschmalz, Arbeit und Kreativität verlangen, als bei den Bloggern nach dem neuesten Viral zu schauen.

Und das Witzige daran: Das sage ich schon als Blogger. Wie schlimm muss die Lage dann erst wirklich sein?

Ich, Harald Schmidt: Die ganze unfassbare Wahrheit über mein Leben
4 Bewertungen
Ich, Harald Schmidt: Die ganze unfassbare Wahrheit über mein Leben
  • Rob Vegas
  • Goldmann Verlag
  • Taschenbuch: 256 Seiten

Seit 2003 aktiv im Web. Vorher nur bei Napster mit ISDN-Flatrate. Kenne noch Disketten. Blogger, Autor und Moderator. Twittere nebenbei als falscher Harald Schmidt unter @bonitotv. Führe wichtige Telefonate noch per Festnetz.

Hier geht es weiter...