26 Jan, 2016

Ein öffentlich-rechtliches-Netflix ?

Fernseher
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Auf MobileGeeks wurde vor kurzem ein Artikel veröffentlicht, welcher eine Art öffentlich-rechtliches-Netflix der GEZ-Sender fordert. Immerhin leben wir ja im Streaming-Zeitalter. Dabei wird Bezug auf ein Interview von Tilo Jung mit dem BR genommen, welcher dort so eine riesige Mediathek für die Zuschauer fordert.

Wunsch und Wirklichkeit

So ein Artikel ist schnell geschrieben. ARD und ZDF sind die alten Rentner und Netflix, AmazonVideo und bald auch SpotifyVideo die coolen Hipster. Allerdings müsste man sich für einen richtig guten Artikel viel tiefer mit dem Thema auseinandersetzen. Das ist bei MobileGeeks leider nicht passiert. Es bleibt im Kern nur bei der Forderung und einem Voting am Ende des Artikels. Kann man machen, bringt allerdings nicht viel. Ich könnte schon vor dem ersten Satz das Ergebnis des Votings vorhersagen. „Ja! Wir wollen eine komplette Mediathek von ARD, ZDF und Co.!“. Nur warum gibt es so ein Komplettangebot derzeit nicht? Warum kann man nicht 60 Jahre öffentlich-rechtliches Fernsehen als Stream jederzeit und überall konsumieren? Das ist doch heute technisch schon möglich. Ruhe bewahren. Nicht einmal der Hipster Netflix kann dieses Erlebnis aktuell bieten.

Rechte, Rechte, Rechte

Warum darf Netflix nicht einmal so manche Serie global gleichzeitig ausstrahlen? Weil die Rechte selbst in 2016 dafür nicht vorliegen. Nur bei neuen und eigenen Produktionen sichert sich Netflix diese weltweiten Rechte für das Netz. Vor 60 Jahren gab es das Internet für ARD und ZDF noch nicht einmal als feuchten Traum. Es gab damals keine Vertäge für eine Verwertung im Netz, welche auch die weltweite Ausspielung via Stream beinhaltete. Natürlich hat sich da ein Ozean an Fernsehmaterial angesammelt. Natürlich könnte man Millionen Stunden digitalisieren und es einfach als Datei auf die Server stellen. Das ist nur leider nicht möglich, weil jedes Recht vorher geklärt sein muss. Dafür kann man kein Skript laufen lassen. Das müssen Menschen, Juristen und Rechteinhaber in jedem Einzelfall neu miteinander verhandeln. Steigen wir also einmal richtig tief ein. Ich durfte vor einigen Jahren mit einer Runde von ZDF-Verantwortlichen genau darüber in einer Diskussionsrunde streiten. Ziemlich schnell wurde mir da schon klar, dass der Wunsch nach so einem Archiv im Netz sehr naiv gedacht ist. Nehmen wir uns doch einmal als Beispiel eine Tierdokumentation von 1965. Wer ist denn da heute der Rechteinhaber? Lebt der Tierfilmer überhaupt noch? Stimmt die Adresse der damaligen Produktionsfirma noch? Wer sind die Erben und wem gehören die Rechte eigentlich heute? Wurde damals Bildmaterial in der Doku verwendet? Erst einmal muss das komplette Werk noch einmal gesichtet und auch nach Musik durchsucht werden. Ist der Bericht durch neue Erkenntnisse heute längst überholt? Welche Relevanz stellt dieses Videomaterial heute dar? Und was ist es wert? Fordert der neue Rechteinhaber heute vielleicht eine utopische Summe für eine neue Lizenz? Nur eine Sendung kann hier schon dutzende Mitarbeiter und Anwälte beschäftigen.

Was? Wie? Warum?

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind übrigens längst an diesem Thema dran. Hier hat man im Artikel von MobileGeeks ebenfalls nicht wirklich recherchiert. Damit sind mittlerweile ganze Abteilungen beschäftigt. Es kann sogar heute noch vorkommen, dass Teile eines Livestreams bei ZDF und ARD nicht verfügbar gemacht werden dürfen, weil die Rechte nicht vorliegen. Damit befassen sich diese Mitarbeiter jeden Tag. Die Rechte klären. Es wird heute schon Material wieder aufbereitet und nachträglich werden neue Verträge für eine Auswertung im Netz neu verhandelt. Das ist ein elender Rattenschwanz. Dabei muss man sich auch um die Relevanz noch einmal Gedanken machen. Braucht es wirklich alle Folgen von „Herzblatt“ 2016 online? Welche Inhalte sind relevant? Wofür gibt man Geld aus? Wir kamen damals in der Diskussionsrunde zum dem Schluss, dass Dokumentationen, Nachrichtenbeiträge und alte Serien der öffentlich-rechtlichen Sender eine Relevanz in der Mediathek hätten. Dagegen schießen aber auch noch die privaten Sender. Sie wollen keine gigantische Mediathek der öffentlich-rechtlichen Sender im Netz, weil sie dadurch ihre eigenen Angebote gefährdet sehen. Mitunter kann man also für eine launige Forderung sehr viel Applaus einheimsen, aber mitunter geht damit halt auch ein Teil der ganzen Wahrheit unter.

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Rob Vegas

Seit 2003 aktiv im Web. Vorher nur bei Napster mit ISDN-Flatrate. Kenne noch Disketten. Blogger, Autor und Moderator. Twittere nebenbei als falscher Harald Schmidt unter @bonitotv. Führe wichtige Telefonate noch per Festnetz.

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