Der Schritt zur Paywall

Geld verdienen mit Inhalten im Netz? Immer mehr digitale Marken und Videoproduzenten versuchen sich mittlerweile an dieser Schwelle. Warum eigentlich?

Für das aktuelle Hype-Video auf YouTube zahlt kein Nutzer freiwillig. Wie sonst hätte es ansonsten auch Millionen an Aufrufen generieren können? Hier ist der Erfolg entweder Zufall, oder durch Agenturen und Sender schon vorfinanziert. Die einzige Möglichkeit diese Abrufzahlen zu Geld zu machen? Werbung schalten und ein paar tausend Dollar über Google Adsense einnehmen. Vielleicht ergeben sich Auftritte, Werbeaktionen und Jobs aus der erlangten Bekanntheit, doch auf dieses leere Versprechen kann die erste Generation an Künstlern nicht mehr bauen.

Die Paywall beschränkt sich dabei nicht nur auf YouTube-Stars. Comiczeichner suchen Erlösmodelle, BILD.de hat die Paywall aktiviert und viele Blogger schreiben auf einmal auch eBooks und halten Vorträge. Was ist mein Blog wert? Was man daraus macht. Die Freizeit-Produzenten in allen Bereichen der digitalen Welt gibt es weiterhin. Sie erstellen Inhalte aus Spaß an der Freude. Der Rest spricht irgendwann und untereinander aber immer schneller über die Refinanzierung. Irgendwo müssen Miete bezahlt und ein Geschäftsmodell geboren werden. Vor allem kann man nicht täglich einen viralen Hit landen. Die Formatierung der Inhalte schlägt deshalb auch im Netz um sich. Man braucht als Produzent planbare Inhalte. Dazu muss der Inhalt an sich die Konsumenten auf bezahlbare Inhalte aufmerksam machen.

Ein Blogger kennt sich in seinem Thema exzellent aus und betreibt ein großes Blog? Hier wird nun oftmals versucht das eigene Wissen als Buch/eBook zu verwerten. Generell erlebt das Medium Buch hier ein virtuelles Comeback. Jeder kann eine Word-Datei verfassen und sie ohne Verlag in die Shops von Apple (nur mit US-Steuernummer), Amazon und Co. stellen. Vor allem ist der Aufwand für diese Produktion vergleichsweise gering. Man setzt sich an sein Notebook und schreibt ein Buch. Zahlt es die Miete? Kann man vorab im Netz selten wissen. Allerdings kann man hier die eigene Marke als Werbeplattform nutzen. Regelmäßig wieder auf den möglichen Erwerb dezent aufmerksam machen. Fotos und Comics werden hier ähnlich versucht an den Kunden zu bringen.

Beim Thema Video will YouTube in Kürze kostenpflichtige Inhalte erlauben. In absehbarer Zeit wird wohl jeder Nutzer die Option aktivieren können. Hier ist die Konkurrenz allerdings schon deutlich stärker. Filme aus Hollywood kosten 2,99 Euro. Warum nun für ein Webvideo 0,99 Euro bezahlen? Bei den Special Effects und Schauspielern kann es wohl kaum mit der Traumfabrik konkurrieren. Allerdings sind neue Marken und Köpfe herangewachsen mit speziellen Nischen. Sind hier genug Zuschauer versammelt, so kann sich ein neues Format durchsetzen. Dieses hat dann aber einen ganz anderen Anspruch. Es muss länger als ein drei Minuten Video bei YouTube sein. Es muss meist viel mehr in die Tiefe gehen und einen Mehrwert an Information bieten. Oder man realisiert über die Paywall einen größeren Inhalt. Einen ersten Film bekannter YouTube-Stars mit einem Drehbuch und 90 Minuten guter Unterhaltung. Ebenso könnte es in ein paar Jahren selbstgemachte Dokumentationen zum Preis von 0,99 Euro zum Abruf geben. Ein spezielles Thema anspruchsvoll aufbereitet. Den Trailer mit drei Minuten Inhaltsangabe gibt es natürlich als Werbung kostenlos.

Das bisherige Problem aller Paywalls? Der Mehrwert ist oft nicht definiert. Ich selbst habe die BILD.de Paywall getestet. Hier versucht man extrem viel neuen Inhalt zu generieren. Eine spannende Frage wird als Schlagzeile gestellt und soll Neugier beim Leser wecken. Das Bild dazu ist meist ebenso gestaltet. Der Inhalt? Meist banale Antworten. Hier fühlt sich der Leser schnell übers Ohr gehauen. Wofür zahle ich? Was ist mir dieser extra Inhalt wert? Genau diese Fragen sind derzeit noch das Problem.

Dabei gibt es noch ein kleines Problem für die Produzenten. Die Paywall an sich ist ein lukrativer Gedanke. Nur muss der Produzent hier meist in gewaltige Vorleistung treten. Der mediale Inhalt muss auf eigene Faust produziert werden. Erst nach der Veröffentlichung wird dann vielleicht auch Geld eingespielt. Insofern ist man nah an Hollywood und kann auch einen gewaltigen Flop landen. Nur ist man selbst oft kein finanzstarkes Filmstudio. Man kann sich daher mit einer Paywall auch gewaltig verkalkulieren, Fans vergraulen und auf falsche Inhalte setzen. Zudem muss dennoch nebenher weiter gratis angeboten werden. Wie sonst soll man neue Zuschauer und Leser gewinnen? Im Endeffekt ist die Paywall heute noch ein Experiment und optional zu sehen. Sie wird aufgebaut und viele Produzenten versuchen so eine Wand irgendwo in ihrer Marke zu errichten.

Ein Wink aus der Zukunft kommt hier von Google. Man will nun kostenpflichtige Hangouts anbieten. Diese Idee ist sehr spannend, weil man einfach als Experte via Webcam sein Geld im Netz verdienen kann. Jemand hat eine Frage und kann ein Gespräch zu diesem Thema mit mir führen. Der Aufwand ist hier nur in Zeit und Wissen die Vorrausetzung für eine Paywall. Bekannte Persönlichkeiten könnten sogar einen einfachen Plausch über das Wetter als Charity-Aktion anbieten. Webdesigner und IT-Experten können live beim Computerproblem helfen. Hier wird sicherlich ein riesiges Netz an selbsternannten Experten entstehen. In der Erotik-Branche ist diese Paywall schon vor Jahren erfolgreich eingeführt worden. Nun kann auch der gemeine Handwerker beim Rohr verlegen live helfen.

Wo wir heute sind? Bei Versuchen. Es gibt immer noch kein sehr einfaches Zahlungssystem. Jeder werkelt an eigenen Abosystem und Bezahlungsmöglichkeiten. Preise sind auch noch nicht etabliert. Die kritische Masse für so ein Modell fehlt zudem noch in der breiten Nutzerschaft. 0,99 Euro müssen halt lange für eine Miete und monatlich addiert werden. Oftmals scheitert die Paywall hier in ihrem Erfolg. Nur muss jede Mauer aufgebaut werden. Irgendwann steht sie dann und hält ein paar Webjahre.

Die ersten Steine sind allerdings schon gelegt.

Seit 2003 aktiv im Web. Vorher nur bei Napster mit ISDN-Flatrate. Kenne noch Disketten. Blogger, Autor und Moderator. Twittere nebenbei als falscher Harald Schmidt unter @bonitotv. Führe wichtige Telefonate noch per Festnetz.

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