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Der etwas andere YouTube-Leitfaden

YouTube hat neue Leitfäden für die Content-Macher ins Netz gestellt. Partner sollen sich hier Rat holen, Tipps erhalten und sich im besten Fall auch genau danach richten. Meiner Ansicht nach treffen die Hilfestellungen jedoch oft nicht auf die Realität der Content-Produzenten zu.

Wahre Größe

Nehmen wir uns die Taktrate eines Kanals auf YouTube vor. Wie oft soll ich in der Woche ein Video auf meinen Kanal laden? Hier muss man schon etliche Untergruppen unterscheiden. Ein großer Kanal mit tausenden von Abonnenten kann eine weitaus dichtere Taktrate fahren, als ein Kanal mit wenigen Stammzuschauern. Hier bauen sich mühsam über meist sieben Tage die Zuschauerzahlen auf und ein neues Videos würde dem bis dahin aktuellen Beitrag Klicks stehlen. Insofern wäre eine höhere Schlagzahl bei der Videoproduktion schädlich für die Zuschauerzahlen insgesamt.

Aufmerksamkeitsspanne

Hiermit sind wir schon bei einer weiteren Grundfrage für einen Kanal. Die Ausrichtung des Inhalts bestimmt die Zeitpunkte der Veröffentlichung. Ein Nachrichten-Format macht keinen Sinn um Mitternacht. Es muss so aktuell wie die Nachricht sein, weil heute Nachrichten auf Spiegel Online alle 20 Minuten ausgewechselt werden. Bei einem absoluten Topthema wie einer Affäre hat man vielleicht drei Tage. Die Regel ist das allerdings nicht. Nachrichten von gestern interessieren schon gar nicht Zuschauer auf YouTube am nächsten Tag. Hieraus ergibt sich der zweite Nachteil für Nachrichten-Videos. Sie sind sofort alt und haben in der Zukunft keine Relevanz mehr. Man sucht alte Trailer zu alten Filmen, aber man sucht keine alten Schlagzeilen zum Doping bei der Tour de France von 1997. Somit ist die Aufmerksamkeitsdauer sehr bemessen. Das Video hält drei Tage und danach müssen die Klickzahlen komplett eingefahren sein.

Deshalb sind Nachrichtenformate bisher selten ein Knaller im Netz geworden. Ehrensenf ist heute eher ein Begriff aus der Web 2.0 Historie. Bestenfalls Kino-Trailer-Nachrichten jeden Donnerstag erleben eine Aufwertung ihrer Relevanz bei der Suche durch den Hollywood-Faktor. Menschen leihen sich auch alte Filme aus, wollen den Trailer dazu sehen und stolpern somit vielleicht über das Video. Nur suchen sie dann auch meist explizit den Trailer in einer guten Qualität. Auf das Format geben sie in den seltensten Fällen etwas. Franc Tausch bildete hier eine Ausnahme, weil er ein Sympath war und live aus Hollywood als Deutscher sendete.

Wo finde ich mein Publikum?

Wo aktuelle Nachrichten helfen? Bei Top-Kanälen. Für sie ist allein die Stammzuschauerschaft groß genug, um jeden Inhalt verbreiten zu können. Sie füttern eine veritable Masse an Zuschauern und gieren nach Inhalten. Schließlich kann man nicht jeden Tag ultra-kreativ sein und aufwendige Musikvideos einstellen. Hier nutzt man gern den aktuellen Boulevard und vor allem Netzthemen/Schlagzeilen für den Content. Bei Mr.Trashpack habe ich als Beispiel selbst schon Fragen als Thema eines News-Formates gesehen. Dort wird dann einfach nur ein Gerücht zum Thema und man fragt anschließend die Zuschauerschaft nach der eigenen Meinung. Relevanz gleich Null, aber das Thema ist für einen Tag aktuell und Meinungen gibt jeder Mensch gern ab.

Ich übe hier übrigens keine persönliche Kritik. Der Erfolg gibt jedem Produzenten von Inhalten Recht. Vielmehr möchte ein wenig mehr Grundwissen vermitteln als die markigen YouTube-Leitfäden. Mit Nachrichten ist es also schwierig. Man löst sich besser von der Aktualität. Aktuelle Themen sind zu schnell nicht mehr aktuell und somit lohnt es sich nur für eine große Stammzuschauerschaft als Lückenfüller. Warum ich selbst an politischen Nachrichten festhalte? Weil es mein Wesen ist. Mit Satire auf Steinbrück, die Koalition und Nordkorea kann man keine 300.000 Klicks die Woche erwarten. Schmidt schaffte damit bei großer Bekanntheit im Land auf Sat.1 oft nur 300.000 Zuschauer im Fernsehen. Insofern wären 3000 Zuschauer im Netz bei politischen Themen schon ein sehr guter Wert. Niemand sucht nach diesen Themen auf einer jugendlich geprägten Plattform. Es ist und bleibt in der gesamten Gesellschaft Nische. Wie das Kabarett darf man hier nicht die gleichen Verkaufszahlen wie bei einer Mario Barth DVD erwarten.

Komik mit Haltbarkeitsatum

Comedy. Läuft mit Musik (Urheberrechtlich schwierig) am besten auf der Plattform. Sie ist zeitlos in einer bestimmten Generation. Twilight ist da ein perfektes Thema für einen Comedy-Kanal. Die jugendlichen Fans suchen bei Google nach Videos und landen bei zugeschnittener Comedy. Hier muss man sich einfach den Themen der aktuellen Jugendkultur bedienen. Sich bekannten Franchises lustig annähern. Dazu gehören heute ebenfalls auch Figuren und ganze Computerspielserien. Ein besonderes Computerspiel ist gerade hip? Hier bietet sich die Gelegenheit in der eigenen Sprache ein humorvolles Werk zu schaffen. Hat man diese Kreativität nicht und auch nicht die Mittel, so bleibt das Lets Play dieses Titels. Man spielt aktuelle Computerspiele und gibt seinen Kommentar zu dem Geschehen ab. Der Inhalt des Spiels allein erzeugt schon Neugier und man verkauft seine eigene Persönlichkeit unterschwellig mit. Als Diener des Publikums spielt und erlebt man zusammen mit den Zuschauern den neuen Titel und kann über die Episoden hinweg eine Beziehung zum Publikum aufbauen. Redewendungen werden schnell zu Running Gags und irgendwann will das Publikum mehr von dieser Persönlichkeit sehen. Hieraus entstehen dann über den Umweg des Spiels „normale“ Comedykanäle.

Der Knackpunkt? Allein der Mitschnitt der Szenen aus den Computerspielen ist normalerweise nicht gestattet. Es ist gleichzusetzen mit der öffentlichen Vorführung eines Films. Man hat dazu einfach nicht die Rechte, vor allem wenn man es obendrein mit vorgeschalteter Werbung versehen will. Spätestens bei Werbung ist es die kommerzielle Nutzung eines fremden Werkes. Hier helfen nur große Netzwerke mit den erforderlichen Lizenzen. Man sammelt also mit privaten Lets Plays ohne Werbung Stammzuschauer und wechselt dann in ein Netzwerk, weil es Sicherheit in der Rechtslage bietet. Für die meisten Lets Player war der Wechsel in so ein Netzwerk auch ein weiterer Vorteil, weil nochmals die Reichweite vergrößert wurde.

TV-Content als Messlatte

Spannend sind übrigens die amerikanischen Kanäle der Late Night Shows. Hier finden wir auf YouTube mittlerweile fast alle großen Marken der Sender mit eigenen Kanälen wieder. Conan, Kimmel, Letterman und Jimmy Fallon produzieren mittlerweile sogar eigene Clips für YouTube und sammeln dann Millionen an Klicks ein. Sie werben dafür mit den Einspielern im TV, laden sie danach in ihren Kanal und nutzen somit YouTube als digitalen Nachbrenner weltweit. Was man auch beachten muss? Manche unbedeutenden Gäste erzielen selbst bei Topstars in ihren Top-Kanälen nur 7000 Zuschauer. Niemand sucht danach und selbst die Abonnenten klicken aus mangelndem Interesse nicht darauf. Richtig tolle Einspieler erzielen 40-80.000 Zuschauer. Der Rest dümpelt meist bei 3000-10.000 Zuschauern rum. Rechnet man hier allein die TV-Präsenz dazu, so sind die Zahlen unteriridisch.

Was mich dabei irritiert? Wie kann eine amerikanische LateNightShow mit ihrer enormen Reichweite über ein ganzes Land wie den USA weniger Klicks als ein Kanal aus dem deutschen MediaKraft-Netzwerk haben? Wie kann hier ein Kanal jede Woche 400.000 Zuschauer einsammeln und eine viel größere Marke mit weitaus mehr Reichweite nur 7000 Zuschauer mit einem weltweit bekannten Hollywoodstar? Ich frage mich manchmal auch wieviele Jugendliche in Deutschland sich da alle Videos täglich aus dem MediaKraft-Netzwerk ansehen müssten? Das wären beinahe alle Schüler der Nation täglich. Die Zahlen kommen mir hier auch im Bezug auf einen nationalen Markt sehr hoch vor. Zu hoch. Das ist allerdings nur eine persönliche Irritation aufgrund der Zahlen im direkten Vergleich aus Amerika.

Werde BeautyBlogger!

Was noch bleibt? Schminke, Technik und Personality. Gerade die Beauty-Fraktion hat mittlerweile in sich eine enorme Konkurrenzsituation erzeugt. Es gibt unzählige Mädchen und es ist nicht leicht hier noch ganz neu einzusteigen. Generell sind auch bei allen anderen Themen die Chancen für neue Talente schwierig. YouTube wählte einst täglich besondere Clips aus und stellte sie auf die Startseite. Hier konnte man mit Glück auch als Newcomer auf einmal eine enorme Aufmerksamkeit erzielen. Bei mir wurde als Beispiel einmal ein Video zu Kate & William vom britischen Königshaus ausgewählt und auf einmal hatte ich 60.000 Zuschauer. Ich war als Video auf der Startseite und diese Aufmerksamkeit brachte sofort mehr als 50.000 Klicks. Heute werden hier auf der Startseite vermehrte die Netzwerke präsentiert, oder YouTube versucht aus dem Nutzerverhalten des einzelen Mitglieds eine Empfehlung abzugeben. Newcomer haben es somit noch schwerer irgendwo eine breite Öffentlichkeit auf der Plattform sofort zu finden.

Zurück zum YouTube-Leitfaden. YouTube hätte es gern kurz und knackig. Immer wieder soll selbst innerhalb des Video plötzlich neue Aufmerksamkeit erzeugt werden. Man empfiehlt mehrere Kanäle zu betreiben. Ganz viel Content produzieren nach dem immer gleichen Muster. Am Ende ist es nur immer auf eigene Gefahr. YouTube stellt hier unterschwellig Regeln auf. Was es dafür als Gegenleistung gibt? Nichts. Rechtssicherheit? Nicht. Man haftet immer für seine eigenen Videos und erhält kein Startkapital für sein Porjekt. Insofern richtet man sich bei so einem Leitfaden nach fremden Wünschen und erhält nur die Hoffnung als Gegenleistung. Ein schlechtes Geschäft.

Vielleicht hilft Newcomern also die Hilfestellung hier.

-Keine aktuellen Beiträge/News
-Nur Themen der aktuellen Jugendkultur/Charts/Musikrichtungen
-Keine Videos über 5 Minuten.
-Möglichst keine Nischen, welche im TV schon nur Nische sind/waren.
-Die eigene Persönlichkeit nicht als einzigen Inhalt verkaufen, sondern unterschwellig über andere Inhalte/Themen.
-Zu Anfang die Schlagzahl an Veröffentlichungen nicht übertreiben.
-Sich Aufmerksamkeit durch Bezug zu bekannten Kanälen erschaffen. (Ein Video/Reaktion zu YTitty produzieren)
-Musikvideos (Sofern die Musik lustig ist und Bezug zu aktuellen Themen der Popkultur hat)
-Keinen Erfolg erwarten. Vor allem keine Werbeeinnahmen. Die sind nur bei extrem großen Kanälen spannend.

Das willst Du alles nicht? Nun dann bin ich sogar ein wenig stolz auf Dich und mein Respekt ist Dir sicher. Nur gehörst Du damit zu den Romantikern auf YouTube. Diese Plattform hat längst seinen eigenen Leitfaden. Was Dir bleibt? Du kannst ein Video produzieren. Ein einfach sehr lustiges Video. Kein regelmäßiges Format. Einfach ein super lustiges Video mit Freunden. Das wäre dann das One-Hit-Wonder. Tipp: Mindestens eine Katze sollte vorkommen und einer deiner Freunde auf die Schnauze fallen.

Viel Glück!

Geschrieben von

Seit 2003 aktiv im Web. Vorher nur bei Napster mit ISDN-Flatrate. Kenne noch Disketten. Blogger, Autor und Moderator. Twittere nebenbei als falscher Harald Schmidt unter @bonitotv. Führe wichtige Telefonate noch per Festnetz.

Richtig unfassbar wird es erst hier...