8 Jan, 2013

Die Wii U in der Praxis

Mittlerweile ist die neue Nintendo-Konsole Wii U ein paar Wochen auf dem Markt und ich hatte ausreichend Zeit den Nachfolger der legendären Wii auch im Alltag zu testen. Dabei gab es mehr als nur eine Überraschung.

Die Wii U stand schon vor ihrer Ankündigung unter starkem Druck. Wie sollte ein Nachfolger noch erfolgreicher als die Wii werden? Wie kann man gegen die Grafikpracht von Sony und Microsoft mit einer neuen Konsole bestehen und gleichzeitig den Preis niedrig halten? Zur Zeiten der Wii war die neuartige Bewegungssteuerung einfach verständlich und gleichzeitig ein Quantensprung für die Spieleindustrie. Heute ist der Mechanismus bekannt und am Horizont ist kein simpler Quantensprung zu erkennen.

Was die Wii U bietet? Ein Gamepad. So will es Nintendo auch genannt haben. Man möge es bitte nicht Tablet nennen, denn streng genommen ist es das auch nicht. Im Gamepad steckt kein eigener Prozessor. Es ist ein Bildschirm mit einem Funkmodul und Knöpfen, welcher das eigentliche Bild vom Spiel aus der Konsole neben dem Fernseher als Funksignal erhält. Insofern funktioniert das Gamepad nur wenn auch die Konsole eingeschaltet ist. Ein iPad oder Tablet würde auch ohne einen extra Kasten überall funktionieren. Das Gamepad ist dagegen allerdings eher ein aufgemotzter Controller, welcher ca. 15 Meter weit um die Box noch Signale empfangen kann.

Damit hatte Nintendo auch schon das erste Problem in der Kommunikation. Tablets sind bekannt. Daran ist nichts neu. Also ist die neue Konsole eine Mischung aus Tablet und altmodischer Konsole? Nicht wirklich. Nur dachte das Publikum nicht weiter. Vielmehr kann man es nicht einfach erklären. Die Idee dahinter ist weitaus größer als die Fakten. Die Nintendo Wii U ist nicht einfach nur eine Wii mit HD-Grafik und einem Controller plus Bildschirm. Das ist sie nur auf dem Papier. Insgesamt bietet sie dem Nutzer im Wohnzimmer ein vollkommen neues Erlebnis und überrascht in den Details.

Was die Wii U kann? Spiele abspielen. Erstmalig in HD und ohne den Fernseher zu nutzen. Man kann so ziemlich jedes Spiel auch auf dem Gamepad spielen. Falls man es klassisch über den großen Schirm im Wohnzimmer spielen will, so dient das Gamepad mit seinem Touchscreen als zusätzlicher Eingabeweg. Ich kann auf den Touchscreen drücken und somit meinen Spielecharakter mit neuen Anweisungen bestücken. Kann Fingergesten nutzen und im Falle von Nintendoland auch Ninjasterne vom Gamepad auf den Fernseher schießen. Der Ninjastern liegt hierbei als Grafik auf dem Touchscreen, mit dem Finger wische ich ihn zum Fernseher und dort trifft er dann in Echtzeit die Pappkameraden. Das wirkt wirklich neu und macht ungemein Laune. Nur ist das natürlich nicht so einfach erklärt wie die Bewegungssteuerung einer Wiimote beim Tennis in 2006. Es wird sogar noch komplexer. Dank des neuen Touchscreens im Gamepad kann nun ein Spieler den Bildschirm am Controller für sich nutzen. Die Gegenspieler schauen dagegen nur auf den Fernseher. Insofern ist asymmetrisches Gameplay möglich. Nintendo liebt diesen Begriff. Die Kunden und Menschen dagegen nicht. Es ist schwer zu erklären und nur in der Praxis kann man damit Spaß haben. Ein Spieler versteckt sich mithilfe des eigenen Bildschirms und die Spieler auf dem Fernseher müssen ihn suchen. Das macht ungeheuer Spaß. Leider kann man es aber nicht so einfach auf einem Karton im MediaMarkt erklären.

Was mir nach den ersten Wochen nun aufgefallen ist? Die Wii U ist weitaus mehr als ein Gamepad und asymmetrisches Gameplay. Ich muss einfach nicht mehr den Fernseher einschalten und mich davor setzen. Ich muss den Vorgang ein Spiel zu spielen nicht planen. Vielmehr liegt das Gamepad auf meinem Schreibtisch und ich spiele eine Runde. Es liegt neben dem Bett und kurz vor der Nachtruhe spiele ich eine Runde, oder gehe kurz mit dem Internetbrowser ins Netz. Dabei ist der Browser kinderleicht zu bedienen, wirkt total logisch aufgebaut und ist einem Browser im iPhone überlegen. Die Lesezeichen sind in einer Art Buch gespeichert und mit zwei Klicks bin ich ohne Eingabe auf Spiegel Online. Selbst auf dem Fernseher sieht es gestochen scharf aus. Vor allem kann man nun fernsehen und nebenbei spielen. So kann man bei einem Film der langweilig ist, oder in der Werbepause einfach nebenbei ein Rennen fahren. Durch die kleine TV-Taste auf dem Gamepad kann man sogar seinen Fernseher steuern. Wie das? Schnell eingerichtet wird das Gamepad zu einer Fernbedienung für den eigenen Fernseher über die klassische Infrarot-Schnittstelle. Es ist ein ganz kleines Feature und wird kaum beworben, aber in der Praxis nutze ich es überraschend oft und vor allem meine normale Fernbedienung kaum noch. Programm wechseln? Mache ich schneller an der Wii U als mit der Fernbedienung, weil ich das Gamepad bereits in der Hand halte.

Dazu kommt ein Videochat. Eigentlich nur eine Spielerei und nicht der Rede wert, doch habe ich vor Monaten für 200 Euro von Logitech eine Skype-Kamera für den Fernseher gekauft. In der Wii U ist dieses Feature ab Werk eingebaut. Ich kann mit meinem besten Kumpel in Wien via Gamepad telefonieren. Der Vorteil? Die Kamera ist nicht starr über dem Fernseher montiert. Ich fühle mich dank des Gamepads auch nicht permanent beobachtet. Vielmehr kann ich nun ein Videotelefonat führen und vom Sofa mit dem Gamepad zum Schreibtisch gehen. Kann mich ins Bett legen und muss nicht extra am Rechner sein. Im Alltag erweisen sich diese kleinen Möglichkeiten als extrem angenehm und durchdacht. Beim Kauf erschienen mir diese Möglichkeiten bestenfalls als zusätzliche Apps. Genau diese Apps machen die Wii U allerdings einzigartig. Das Gamepad ist kein Controller für eine Konsole. Es ist die Kommandozentrale für meinen Fernseher. Eine Art Ultra-Fernbedienung für meinen Fernseher. Sie bestimmt was läuft und gibt dem dummen Bildschirm im Wohnzimmer alle Möglichkeiten aus einer Hand.

In Zukunft kann man sich sogar Filme ausleihen. Damit wird mein AppleTV überflüssig. Ich kann im Netz surfen, Videotelefonate führen, Spiele spielen und habe sogar eine Art soziales Netzwerk namens Miiverse zur Verfügung. Hier kann man sich ähnlich wie bei Facebook mit anderen Spielern verbinden und austauschen. Es macht ungeheuer Spaß und man kann sich so zu einem gemeinsamen Spiel verabreden.

Kritiker werden nun nur mit den Achseln zucken. Diese Features bieten auch Tablets und die Grafik dort wird immer besser. Das ist wahr. Es gibt Skype. Es gibt Spiele und es gibt einen Browser für den Fernseher. Nur bedarf es bei den anderen Geräten immer an einer Schnittstelle zum Fernseher. AppleTV hat keinen Browser, also muss ich mein iPhone/iPad erst verbinden, dann den Inhalt übertragen und vielleicht bei anderen Lösungen erst einen Android Mediaserver über einen anderen HDMI Anschluss anstöpseln. Die Wii U dagegen hat alles an Bord. Die eigentliche Konsole ist leistungsstark direkt am Fernseher und über das Gamepad fühle ich mich schnell wie Captain Kirk auf der Brücke der Enterprise. Vor allem ist es dank Nintendo alles kinderleicht zu bedienen. Das kann man nur schwer erklären. Dieses Gamepad ist einfach der Knaller.

Ich muss nicht über ein Touchpad versuchen ein Spiel zu spielen. Ich habe neben dem Bildschirm einen super Controller. Ich kann im Netz surfen und der Controller mit seinen Analogsticks ist die perfekte Eingabemethode für den Fernseher. Ich kann Spiele in HD spielen und ohne Fernseher in der Nacht im Bett. Das Gamepad liegt immer verfügbar im Wohnzimmer und ist permanent mit dem Fernseher verbunden.

Was leider noch stört? TVii ist in Deutschland und Europa noch nicht verfügbar. Hiermit wird es noch mehr Spaß machen die alte Fernbedienung abzulösen. Ebenso sind die Ladezeiten für das Öffnen der einzelnen Applikationen mit 15-30 Sekunden zu lang. Hier muss nachgebessert werden. Vor allem braucht es noch mehr Ware bei den Spielen von Nintendo. Ein neues Zelda, Mario Kart und Mario in 3D sind der Wunsch eines jeden Wii U Besitzers. Kommen diese Dinge mit der Zeit, so bin ich ein ziemlich glücklicher Kunde von Nintendo. Wieder einmal.

Rob Vegas

Seit 2003 aktiv im Web. Vorher nur bei Napster mit ISDN-Flatrate. Kenne noch Disketten. Blogger, Autor und Moderator. Twittere nebenbei als falscher Harald Schmidt unter @bonitotv. Führe wichtige Telefonate noch per Festnetz.

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