Die volle Breitseite

Copyright: robvegas.de
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Ein maritimer Begriff in den Welten der digitalen Gesellschaft? Das macht durchaus Sinn, denn als Produzent muss man sich heute sehr breit aufstellen. Wie in einer Seeschlacht gilt es zu überleben.

Du bist Musiker? Dann musst Du in den iTunes Store oder zu amazon. Du willst eine App verkaufen? Apple oder Android Store. Du bist Autor? An Thalia führt kein Weg vorbei. Die Verteiler unserer Zeit sind einfach mächtig. Ist das nicht eine alte Diskussion? Haben sich nicht schon in den 70ern die kleinen Kaufleute über die großen Häuser wie Neckermann und Karstadt aufgeregt? Natürlich haben sich die kleinen Händler aufgeregt. Nur hat heute selbst Karstadt seine Probleme und es gibt nur noch ein Shoppingcenter pro Stadt. Oft sogar pro Landkreis.

Im Netz ist es noch deutlicher. Ein paar Firmen wie Google, Amazon und Apple sind die globalen Verteiler für Produzenten. Sie geben die Regeln vor. Zu produzieren ist hier schon fast eine Dummheit. Verteiler muss man sein. Content sammeln und verkaufen. Man ist dann zwangsläufig im Rennen um einen Platz in den Top20 Charts der Verteiler.

Was das bedeutet? Abhängigkeit. Extreme Abhängigkeit. Wir sehen es selbst bei YouTube schon nach kurzer Zeit. Mächtige Netzwerke bündeln hunderte von Kanälen und produzieren dabei selbst kaum eigene Inhalte. Vor allem ist man auf die Gunst von einem Konzern wie Google angewiesen. Wettbewerb? Der findet bestenfalls unter den Produzenten statt. Wer liefert mehr für weniger Geld? Wer riskiert Geld selbst und obendrein Kopf und Kragen?

Wie man hier überleben kann? Sich breit aufstellen. Nur von Videos und Werbeerlösen leben? Dann wäre man allein von den täglichen Adsense-Quoten abhängig. Als Künstler, Musiker und Autor muss man sich heute extrem breit aufstellen. Musik machen? Das allein reicht nicht mehr. Ein sicheres Grundeinkommen in einem anderen Beruf ist fast ein Must-Have in der digitalen Zeit. Vormittags in der Pflege arbeiten, sich als Arbeiter verdingen und erst nach der Arbeit seine Kunst versuchen an den Mann zu bringen.

Über die Zeit muss man sich heute zwangsläufig auf vielen Gebieten tummeln. Die Neugier habe ich nun selbst geweckt. Natürlich kann auch ich nicht nur von einer Sendung auf YouTube leben. Nicht einmal mit einer Million Zuschauer pro Monat könnte ich davon eine Familie ernähren. Und wer schafft schon drei Millionen Zuschauer über eine Zeit von fünf bis zehn Jahren am Stück? Ich spreche vor Angestellten von Firmen. Teile meine Erfahrungen im Web 2.0 und zeige neue Wege für den Umgang in den sozialen Netzwerken auf. Das wirkt ein wenig wie Prostitution? Ist es sicherlich. Denn es hat wenig mit meiner Kunst zu tun. Vielmehr verrät man die eigenen Zaubertricks. Nur lernt man heute dadurch tolle Kontakte und Menschen kennen. Insofern ist es auch Werbung und wird bezahlt.

Man muss den Draht zu Firmen suchen. Mit seinem erlangten Ruf auch andere Projekte moderieren. Das macht obendrein Spaß und erzeugt neue Ideen. Videoschnitt anbieten. Das Handwerk anbieten. Sich dem klassischen Buch widmen. Nur wegen der Miete? Allein schon um nicht von einem Gebiet und damit einem Verteiler abhängig zu sein. Ich sehe eine wachsende Gefahr in der Verdichtung der Verteiler. Google bestimmt den Preis. Apple sein Angebot. Die paar Verteiler insgesamt einen Rahmen. Muss man da mitmachen? Muss man. Es gibt keine Chance den großen Läden zu entrinnen.

Hinzu kommt noch eigene Bekanntheit. Wie steigert man sie? Täglich und über einen langen Zeitraum? Das Beste muss kostenlos sein. Musik verschenken. Gratis Witze veröffentlichen. Bilder anbieten. Videos produzieren. Erst ab einem sehr hohen Level der Bekanntheit resultiert hier die Möglichkeit in anderen Verteilern Einnahmen zu generieren. Wie bekannt muss ein YouTuber sein um Musik bei iTunes gegen Geld verkaufen zu können? Dafür muss er zahlreiche Alben verschenkt und Millionen Zuschauer kostenlos über einen sehr langen Zeitraum bespaßt haben.

Was wichtig ist? Nicht zu viel Inhalt nur einem Verteiler schenken. Ich könnte alle Ideen auf Twitter verbrennen. Nur sollte ich das auch tun? Man muss abwägen. Was will man am Ende nach vorne bringen? In meinem Fall die Sendung. Jede meiner Aktivitäten dient am Ende dem Klick auf die Sendung. Muss es auch. Oft bemerke ich aber wie Künstler sich komplett verschenken. Alles anbieten und es nicht versuchen zu kanalisieren. Natürlich ist es wichtig in allen relevanten Netzwerken vertreten zu sein. Es ist aber nicht notwendig überall jeden Inhalt rauszuhauen.

Daher kann ich nur einen gut Rat geben. Gebt die volle Breitseite und passt auf das Munitionslager auf.

[hr]

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Rob Vegas

Seit 2003 aktiv im Web. Vorher nur bei Napster mit ISDN-Flatrate. Kenne noch Disketten. Blogger, Autor und Moderator. Twittere nebenbei als falscher Harald Schmidt unter @bonitotv. Führe wichtige Telefonate noch per Festnetz.

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