Noch ein Retro-Effekt

Hollywood Sign

Es mag ziemlich verrückt klingen. Ein Showmaster aus dem digitalen Zeitalter ist traurig über den Wegfall einer analogen Art Filme zu drehen. Doch es ist wahr. Arri hat heute bekannt gegeben keine Filmkameras mehr herzustellen. Andere Hersteller sind längst voll und ganz im digitalen Zeitalter angekommen. Nur sollten wir ankommen?

Der Film ist eine Art der Kunst. Natürlich kann jeder ein Video mit seinem Camcorder drehen, wild zoomen und dann nach schrecklicher Bearbeitung damit seine Verwandten langweilen. Duch YouTube und die Entwicklung der Personal Computer kann mittlerweile selbst ein Rentner zum Steven Spielberg im Altenheim mutieren. Kleinere Effekte, Explosionen, Blenden lassen sich mit Software für 50 Euro am Rechner daheim realisieren. Filme machen ist heute zum Hobby geworden. Schüler drehen in der Klasse kleine Projekte, Studenten nutzen das Medium Video für ihre Arbeiten und Firmen drehen Kurzfilme zur Präsentation ihrer Produkte. Nur spricht man hier von Film? Nein. Es ist Video. Und manchmal sind es Videofilme. Längere Video inklusive Handlung werden zum Videofilm. Hochgeladen ins Internet kann man damit sogar eine größere Zuschauerschaft erreichen.

Ich selbst produziere Video. Viel Video. Zu viel für so manchen Camcorder meiner Laufbahn. Ich würde aber nie so weit gehen und behaupten ich hätte einen Film produziert. Film ist etwas Besonderes. Auf Zelluloid mit Filmkorn, Macken aufgrund des Alters und bestenfalls digital abgetastet und danach auf einem digitalen Medium veröffentlicht. Gegen die Digitalisierung von Film ist auch nichts einzuwenden. Es ist die Konvertierung. Wie das Einscannen eines Fotos. Ohne Effekte wird das ursprünglich analoge Medium übertragen. Zwar nie mit allen Informationen und oft komprimiert, aber dennoch sieht der Computer ein Original und macht das Beste für ihn daraus.


Heute sehen wir aber vermehrt digitale Filme, Video, Fotos, welche nachträglich auf analogen Stil getrimmt werden. Der Hollywood-Film wird in Farbe und mit digitalen Kameras aufgenommen. Im Rechner wird dann ein Schwarz/Weiss Effekt hinzugefügt, Filmkorn generiert und Unschärfe berechnet. Ist das schlimm? Für Dich vielleicht nicht. Du erfreust Dich am Gesamtwerk und lobst die Idee. Ich dagegen sehe es. Ich spüre es. Es ist wie eine künstlich einfügte Ebene. Ein Layer wie in Photoshop. Zudem empfinde ich es als grob bekloppt. Da wird mit teurem Equipment modern aufgenommen und später trimmt man das extrem scharfe und fast überklare Bild auf alt. In Super8, fügt VHS-Gezerre hinzu und macht sich Gedanken welche Art von Filmkorn es “echter” aussehen lässt.

Wenn man diese Effekte will, so sollte man gleich damit drehen. Ich selbst hasse meine Art Video zu produzieren. Richtig gelesen. Ich hasse es. Es ist immer ein matschiges Video aus einem verdammten Camcorder mit Titeleffekten. Im echten Film werden eingeblendete Titel meist zu einer Einheit mit dem Film. In modernen Werken sieht es immer wie eine neue Ebene aus. Oft hat dieses leicht verwaschene Bild aus den 80ern (oder noch früher) auch ein Moment der Stimmung in sich. Heute wirken Thriller immer wie extrem scharfe Dokus. Zu echt. Überreal.

Mit dem iPhone nehmen wir Bilder auf und legen widerum Effekte darüber. Nie sieht es danach aus wie ein echtes Polaroid. Man spürt immer das echte Original dahinter. Es ist an dieser einen Stelle nicht kaputt. Ich weiß, es gibt das Original. Der Fleck ist kein Produkt der Zeit, sondern gewollt. Retro ist das Wort unserer Zeit. Man entdeckt nicht mehr Werke aus der Vergangenheit neu, sondern produziert neue Werke im Retro-Stil. Es ist zum Element geworden. Oft werden Unsummen bei Filmen ausgegeben um diesen Look zu erzeugen. Es klappt nie. Oft sehr gut gemacht, aber dennoch künstlich. Man spürt es. Es ist digital.

Meine kleine Ansicht wird sicher in der Masse an Gedanken als gestrig empfunden. Ich stelle mir dennoch die Frage: Warum auf Retro abgehen? Warum nicht die Geräte nutzen? Beim iPhone kann ich den schnellen Effekt verstehen. Der Konsument freut sich. Jetzt sieht das alt aus! Richtig auf 70er Jahre! Coooool. Nur beim echten Film? Da könnte es anders sein. Es dient hier dem Werk. Es wirkt. Es macht Atmosphäre aus. Es wirkt echt. Es macht das Werk zu einem ganz besonderen Teil Hollywoods.

Warum stehen eigentlich noch die großen Buchstaben in Los Angeles? Könnten wir sie nicht digital projezieren? Nein. Sie stehen für eine ganz besondere Anziehungskraft. Sie werden nie Retro sein.

Hätte ich viel Geld würde ich mir eine alte Kamera kaufen, in Panavision drehen und später die Show digital abtasten. Ein Traum. Leider ausgeträumt.

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Ein Kommentar bisher, eigenen Senf abgeben?

  1. Nusskannenforscher sagt:

    Ergänzend dazu ein Auszug aus einem Interview mit einem Designprofessor, hier zu Retro-Look bei Autos:

    “ZEIT: Was spricht gegen Retro?

    Fügener: Das ist Kitsch, wenn man Kitsch definiert als funktionslos, also rein ästhetisch und emotional begründet. Vor allem aber sind diese Autos Ausdruck einer gesellschaftlichen und unternehmerischen Verzagtheit. Es ist ja ein Merkmal unserer Zeit, dass es keine Utopien und keinen Konsens über gemeinsame Ziele mehr gibt. Wir glauben nicht mehr an Gott, der Kommunismus ist tot, zum Mond fliegen will niemand mehr, und auch die etwas banale, aber in der westlichen Welt lange gültige Formel, dass es immer weiter aufwärts geht, ist außer Kraft. Der Philosoph Paul Virilio spricht von »rasendem Stillstand«. Da erscheint die Retrospektive leicht als einzig verlässliche Orientierungsmöglichkeit. Wenn das Unbehagen wächst, wenn es Angriffe von außen gibt – so wird die Globalisierung ja von vielen verstanden –, besinnen sich die Menschen auf ihre Vergangenheit und deren Ikonen. Außerdem will ja jeder von uns seine Jugend zurückhaben, weil er da jung war, gesund und sexy. (…)”

    (Quelle oben verlinkt)

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