
Warum trägst Du eigentlich diese Kette mit dem Kreuz um den Hals, Rob? Früher oder später wird mir diese Frage immer gestellt. Die Antwort ist denkbar einfach. Es wurde mir von einem guten Freund der Familie zur Geburt geschenkt und irgendwie hatte ich es dann doch erst mit 12 Jahren bekommen. Solche Dinge werden halt in der Familie gern vergessen. Viel schlimmer war da eher für mich die Tatsache, dass Bud Spencer mich als Baby auf dem Frankfurter Flughafen auf dem Arm gehalten hatte. Wurde mir mit 26 Jahren so nebenbei erzählt. Da hat mich Gott auf dem Arm gehalten und niemand empfand es als nötig mir diesen Umstand mitzuteilen? Eine andere Geschichte.
Doch natürlich verbinden Menschen dieses Kreuz bei mir schnell mit dem Glauben. Was sollten sie auch sonst tun? Blöder Satz. Einleitung halt. Ich habe wie viele Menschen ein kritisches Verhältnis zur Kirche. Bin mit dem Computer aufgewachsen, in einer Welt voller Forschung, Technik und Wissenschaft und empfinde den Glauben an den Mann hinterm Mond als eher romantisch. Vielleicht ist die Bibel auch einfach der erste Bestseller der Menschheit. Wir wurden schlauer, erfanden das Rad und irgendwann kamen Kultur und Religion hinzu. Neben den Meldungen im Alltag kann man der Kirche heute auch leichter kritisch gegenübertreten als vor 500 Jahren. Geistliche benutzen ihre Macht um kleine Kinder zu mißbrauchen, Kreuzzüge wurden und werden geführt, Terrorismus und Kriege mit der Religion begründet. Der Westen steht dort dem Orient dabei in nichts nach. Im Namen der westlichen Welt und des Christentums meinen wir andere Völker zu bevorurteilen. Nicht gut.
Und dennoch mag der Mensch an etwas Besonderes glauben. Es tut ihm einfach gut. Zumindest den meisten Menschen. Reden wir über eine deutsche Leitkultur, so werden die Kritiker laut und führen sogleich den Nationalsozialismus an. Deutsche dürfen nicht mehr stolz auf ihr Land sein. Ich bin mir vollkommen bewusst gerade in Ihrer Meinung auf einem schmalen Grat zu wandern. Es gibt aber durchaus einen Zusammenhang. Was sind wir? Wofür stehen wir? Welchem Gesetz unterliegen wir? Wie wollen wir miteinander leben? Was soll unsere Wirtschaftsform bezwecken? Wie ist unsere Gesellschaft aufgebaut?
Vergessen wir einmal nur für diesen minimalen Wimpernschlag die schlechten Seite der Kirche, so steht sie für den ganz normalen Menschen für Werte. Der normale Nachbar hat nicht die Bibel gelesen. Er kennt die zehn Gebote bestenfalls zur Hälfte. Und eben jene Gebote sind und können eine Art Grundgesetz sein. Wir könnten uns auch gern auf 100 Gebote einigen und wären im Zusammenhalt ein großes Stück weiter. Doch es sind zehn und sie haben Tradition. Du sollst nicht töten. Das ist etwas Gutes. Kann sich eine Gesellschaft darauf einigen und braucht zur Untermauerung dieses Gesetzes die heilige Mutter Gottes, so empfinde ich das Kreuz um meinen Hals als positiven Ausdruck von Religion. Nächstenliebe, Mithilfe, Toleranz.
Nur wo gibt es diese Werte heute? Bei Gewerkschaften? Bei Facebook? In den allgemeinen Geschäftsbedingungen von Vodafone? Auf dem Prospekt von Starbucks? Bestenfalls Disney steht für ein werteorientiertes Weltbild. Der Vater sucht seinen Sohn und schwimmt dafür durch den kompletten Ozean. Warum mögen so viele Menschen Filme von Disney? Weil sie für diese guten Werte stehen. Leider steht die Kirche selbst nicht so zu ihren Werten. Sie kämpft mit dem Muff zwischen den Statuen im Vatikan. Dabei hat ein Papst mehr Macht als er denkt. Erhebt er im heutigen Zeitalter medial seine Stimme, so wird sie gehört. Die mediale Macht einer Organisation wie der Kirche ist gewaltig. Vergleichbar mit einem Interview von Helmut Schmidt. Erzählt er zur besten Sendezeit was er über die Regierung denkt, so wackeln am nächsten Tag die Umfragewerte.
Bestenfalls gibt es ein Statement der Kirche zum Krieg im Irak. Da hätte ein Papst im positiven Sinne um die Werte der Kirche einstehen, gar kämpfen müssen. Medial. Eine Ansprache an die Welt zur besten Sendezeit. Die Kirche hat ein zeimlich gutes Netz. Sie hat ihr eigenes Facebook und Mitglied ist man seit der Taufe. Hier wird viel zu wenig getan. Es geht nicht nur um das neumodische Social Media Thema. Es geht vielmehr darum wieder Menschen einen Halt zu geben. Wann sind Menschen für Sekten anfällig? Wenn es ihnen schlecht geht. Wann fangen Menschen an zu beten? Wenn sie im Luftschutzkeller sitzen. Wann brauchen Menschen Orientierung und vertrauen auf Gott? Wenn sie am Ende sind.
In der letzten Instanz wollen wir glauben. Von mir aus selbst an den Weihnachtsmann. Es macht das Fest einfach schöner. Heute wissen nur die meisten Kinder leider, dass die Geschenke von amazon kommen. Dieser Umstand beeinflusst auf Dauer eine Gesellschaft und erzeugt mehr Egoismus. Wozu Werte? Werte sind immer etwas Höheres. Etwas an das wir glauben wollen um bessere Menschen zu sein. Wie Liebe. Wir wollen daran glauben, auch wenn es nur die Partnerschaft zweier Lebensformen mit ähnlichem Sexualverhalten sein mag. Warum sehen wir Jugendliche in London gewaltsam plündern? Weil sie um einen Wert in der Gesellschaft kämpfen. Gerechtigkeit. Gleichberechtigung. Das der Reiche dem Armen hilft.
So sehr diese moderne Gesellschaft im Patchwork lebt, den Plasma wichtiger als die Nachbarschaft empfindet, so sehr sehnt sie sich gleichzeitig nach Entschleunigung und Werten. Festen Säulen. Beständigkeit.
Ich empfinde nichts Schlechtes daran wenn uns eine Organisation wie die Kirche wieder mehr Halt geben würde. Meine zehn Facebook-Gebote sind sicherlich humorvoll gemeint, doch sind sie auch ein Update. Warum man stolz auf Deutschland sein darf? Weil wir Dichter und Denker hervorgebracht haben. Weil wir in der Welt für gewisse Tugenden stehen. Weil wir nach dem zweiten Weltkrieg mittlerweile als erstes Land genannt werden, wenn Völker Hilfe brauchen. Man muss nicht mit stolz geschwellter Brust jeden Tag die Nationalhymne singen und sich an der Fahne erfreuen. Man sollte sich auch stets an die Vergangenheit erinnern. Doch noch mehr sollte man die Tugenden bewahren und für die Werte gern einstehen.
Ich glaube der Wert eines Menschen besteht aus den Werten für die er steht.


























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