Was hast Du eigentlich die letzten Monate so gemacht?

Am Montag bin ich auf das Medienforum Mittweida eingeladen. Thema des Panels werden die virtuelle Identität, ihre Vorteile und ihre Gefahren sein. Mich selbst beschäftigt das Thema schon länger und auch bei Olaf Kolbrück findet man dazu einen aktuellen Blogeintrag.

Spricht man nun von virtuellen Identitäten und Datenschutz, so liegt der Fokus mittlerweile auf Facebook. Das soziale Netzwerk ist selbst so stark mit anderen Diensten verknüpft, dass es dem nachdenklichen Nutzer mehr und mehr Sorge bereitet.

Schon 2003 hatte ich ein Blog. Damals schrieb man Artikel im Internet und ein paar andere Blogger kommentierten die eigenen Gedanken. Später versuchte man die Zugriffe auf die eigene Seite mit Google zu steigern und auch anonyme Leser klickten sich ein. Man war immer mehr an der wachsenden Leserschaft interessiert. Wer liest mich da eigentlich? Alles in allem war die Blogwelt aber ein Dorf und man knüpfte gute Kontakte in die Nachbarschaft. Das ganze Teil war überschaubar und man machte da “irgendwas” im Internet. Freunde und Familie verstanden es nicht, aber die meisten Leute fanden es spannend.

Heute dagegen hat sich das Blatt komplett gedreht. Immer mehr Leute aus dem eigenen Umfeld haben ein Konto bei Facebook und bekommen die eigenen Inhalte einfachst über die Timeline zu Gesicht. Dabei ist die Situation anders als bei StudiVZ. Dort tummelten sich meist junge Leute und gratulierten sich bestenfalls zum Geburtstag und tauschten private Nachrichten aus. StudiVZ ist bis zum heutigen Tag mehr ein Steckbrief und wirkt dadurch zunehmend langweiliger.

Die Party steigt dagegen auf Facebook. Da haben jetzt nicht mehr nur Blogger lange Artikel online, sondern Freunde ihr aktuelles Leben. Jeder Urlaub in der Mongolei ist samt Fotos, Statusmeldungen und Kommentaren dokumentiert. Entfernteste Kontakte können nun dank Facebook auf Dein ganz unmittelbares Leben zugreifen und aufgrund der GPS-Ortung sogar Deinen aktuellen Standort erfassen. Nebenbei und unwichtig, aber dennoch in einer neuen Komplexität. Ich selbst hatte einen Autounfall in Köln und schrieb davon natürlich auf Facebook. Keine zwei Tage später wird man vor der eigenen Haustür von alten Kontakten darauf im echten Leben angesprochen.

Ging man früher auf eine Party und betrieb Smalltalk, so gibt Facebook heute schon vor der Eingangstür die möglichen Gesprächsthemen vor. Ich weiß nämlich schon viele Dinge aus dem Netz und werde diese Kenntnisse auch unterbewusst nutzen. Wie soll man also mit diesem leeren Feld auf Facebook umgehen? Was teilt man überhaupt noch seinen “Freunden” mit? Facebook fragt einfach nur: “Was machst Du gerade?” und diese Frage erscheint vollkommen banal und harmlos. Nur versucht natürlich jeder Mensch sein eigenes Leben darzustellen. Würde man auf der Straße von einem nicht so guten Bekannten gefragt werden: “Hey! Wie geht es Dir?”, so würde man die Antwort abwägen. Man würde die Antwort an der Person und dem Grad ihrer Nähe zum eigenen Seelenleben festmachen. Nur extrem guten Freunden teilt man die echten Gedanken mit und achtet selbst dann noch auf die mögliche Reaktion.

Ist das nun nicht zu dramatisch dargestellt? Sind denn Botschaften über das gerade gekochte Essen und dem Wunsch nach Urlaub auf Facebook so gefährlich? Gefährlich kann es werden, denn man verschickt diesen Status mittlerweile an hunderte von Mitmenschen. Würde man sich auch auf den Dorfplatz stellen und die Statusmeldung laut schreien?

Was teile ich also meinen Mitmenschen mit und welches Bild kreire ich damit? Bei mir als Showmaster mag das noch leicht sein, weil ich natürlich über eine Kunstfigur schreibe, aber selbst ich mische persönliches Leben mit Informationen über das Projekt. Im Grunde macht es mir aber jeder Mensch im sozialen Netzwerk gleich. Wir bilden dort unser Leben ab und sind uns beim Erstellen der Information niemals über die Wirkung vollends bewusst.

Jeder Kontakt bewertet die abgegebene Information anders. Manche lesen zwischen den Zeilen die Stimmung, andere Kontakte kommentieren den Status und wieder andere Leser konsumieren einfach die Nachricht als vom realen Leben weit entfernte Person. Hier noch einen unverfänglichen Status abzugeben ist eigentlich die Arbeit einer großen PR-Agentur. Gefühle, Emotionen und echte Gedanken teilt man schnell allen Kontakten und obendrein auch noch einem Unternehmen mit, welches durch spezielle Algorythmen Profile für die Werbekundschaft erstellt.

Für mich begann Facebook dabei mit Kontakten zu Freunden und Zuschauern. Mittlerweile sind auch alte Leute aus der Schule mit an Bord und immer mehr auch die älteren Nutzer aus dem privaten Umfeld. Die ältere Generation entdeckt Facebook und somit lesen sie dort vll. auch Gedanken und Ansichten, welche man ihnen beim Kaffee nicht unbedingt in dieser Form unterbreiten würde. “Rob Vegas ist jetzt der Gruppe tabuloser Sex mit Julia Roberts wäre toll beigetreten.” – Es gibt Menschen welche das vielleicht nicht so lustig finden könnten.

Zudem kann man seinen Kontakten nicht mehr entkommen. Früher meldete man sich einfach lange nicht bei Freunden und war irgendwann halt auch nicht mehr zum Geburtstag oder Umzug eingeladen. Heute fügt man Kontakte in guten Zeiten hinzu und in schlechten Zeiten würden nur die wenigsten Nutzer diese auch wieder “entfreunden”. Einen Trend dazu gibt es aber momentan schon. Ich selbst finde das aber wieder wenig hilfreich, denn die Entwicklung darüber ist sowieso nicht mehr aufzuhalten.

Wir werden auf Dauer schlicht und einfach im realen Leben die Online-Aktivitäten präsent haben. Bei uns selbst und auch bei anderen Personen. Die Zukunft sieht dort jedoch nicht mehr so einfach aus. Bislang war man noch selbst Herr und Frau der eigenen Informationen. Doch schon jetzt wird man ungefragt auf anderen Fotos markiert. Man war also dort und man war mit diesen Leuten dort. Freunde und Kontakte werden ihren aktuellen GPS-Standort preisgeben und Dich aus persönlicher Freude über das Treffen beim Kaffee gleich verknüpfen. Man wird nicht mehr nur über sich schreiben, sondern auch Gedanken und Updates zu anderen Personen veröffentlichen und sich im digitalen Leben über Freunde austauschen. Öffentlich und nicht-öffentlich wird man über Dich reden, Dich online bewerten und auf Dauer auch Dein Leben kommentieren.

Mir selbst kam da überspitzt der Gedanke zu einem neuen Portal names “Lästerbook“. Das ist wirklich überspitzt, aber der Grundgedanke dahinter bereitet mir Sorge. Menschen reden nun einmal gern über Mitmenschen, informieren sich gern und tauschen sich noch lieber über Probleme anderer Personen aus dem bekannten Umfeld aus. Dieser Drang wird sicherlich auch online ausgelebt werden. Nicht in Form von Mobbing, sondern in seiner Normalität ganz selbstverständlich Einzug in die Netze halten.

Macht es Dir nicht gerade auch ein wenig Angst? Das werden Menschen erst lernen müssen und es gibt kein Handbuch für diese Entwicklung. Niemand wird auf Dauer seinem sozialen Umfeld mehr entkommen können. Durch die Verknüpfungen werden selbst Offline-Menschen ungewollt gläsern und das Thema Datenschutz wird bestenfalls Stoff für TV-Berichte liefern. Es geht aber um das direkte Handeln der einzelnen Person. Ihren persönlichen Umgang mit der eigenen Information und der Bewertung von Information über andere Personen.

Was hast Du eigentlich die letzten Monate so gemacht? – Frag Facebook.

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  1. Phil sagt:

    Wann gibt’s denn ein neues Video ?

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