Angst vor Öffentlichkeit

Öffentlichkeit ist eine Entscheidung, oder unbequeme Recherche von Journalisten. So war es zumindest bisher. Man selbst wollte Sachverhalte an die “Öffentlichkeit!” bringen, verschwieg seine peinlichen Neigungen und im schlimmsten Fall grub jemand in deiner Vergangenheit. Bestes Beispiel ist hier eine junge Dame aus Hannover, welche uns nun als Star in Oslo vertreten wird.

Im Netz gibt es seit Beginn des Web 2.0 eine ewige Debatte darüber. Wie soll man mit seinen persönlichen Informationen in sozialen Netzwerken umgehen? Wie reagiert wohl der Personalchef auf die Partybilder im Facebook-Account? Sollte man seine GPS-Daten twittern und es damit Einbrechern sehr einfach machen?

Bislang sah ich es immer als Diskussion. Ein neuer Dienst startete und gleichzeitig auch die Kritik daran. Sehr aktuell ist da die Debatte um Google-Streetview. Sollte sich der Kreditberater mein Haus und mein Viertel ansehen dürfen? Inwieweit ergeben die verknüpften Informationen ein genaues Bild von mir?

Doch nun macht es mir langsam wirklich Angst. Die Sicht dreht sich. Man sollte eben gerade Partyfotos auf seinem Profil haben, damit eben ein “normaler” Eindruck entsteht. Verdächtig ist nur, wer solche Bilder eben versteckt. Der digitale Lebenslauf soll nicht verheimlichen, sondern vielmehr den eigenen Charakter bestmöglich präsentieren.

Und was ist mit der Öffentlichkeit? Es ist vielleicht bald keine Entscheidung mehr. Früher gab es Paparazzi. Heute dreht der Schauspieler Ashton Kutcher den Spieß um. Er knipst den Hintern seiner Frau Demi Moore und stellt ihn auf Twitter ein. Das wird als Revolution geradezu gefeiert. Die Rache der Stars! Jeder ist nun seine eigene “BUNTE” und kann selbst Dinge klarstellen und veröffentlichen. Eine Gefahr für die Klatschpresse?

Ist es nicht vielmehr eine brisante Entwicklung? Bald wird jeder ein Foto von Demi Moore machen. Überall werden Fans sie dank iPhone knipsen und damit wird ihr Weg durch Los Angeles komplett nachvollziehbar. Deine Freunde, Fans und Kontakte machen dich zum gläsernen Bürger. Was macht nun ein Star wie Stefan Raab, welcher seine Familie komplett aus den Medien ausblendet? Bislang konnte er die Redaktionen verklagen und auf sein Recht pochen. Doch ist nun jeder ein kleiner Paparazzi. BILD versorgt die eigenen Leser mit Videokameras und zahlt für tolle Videos von Stars. Ist das Foto von Kind und Frau einmal im Netz, so ist der Kampf um das Privatleben bereits verloren.

Wie wird die junge Generation damit umgehen? Es wird wohl Pfllicht sein diese neue Öffentlichkeit in voller Konsequenz zu leben. In fünf Jahren müsste ein Tiger Woods mindestens einmal täglich seinen aktuellen Fortschritt aus der Sexklinik twittern. Vor allem geht es ja nicht nur um die eigene Aktivität. Vielmehr werden andere Menschen über Dich berichten. Wo sie gerade mit dir sind, wie deine Stimmung ist und was ihnen über dich in Gedanken und damit auf Facebook vorgeht. Lügen werden schwieriger, weil du dank GPS Koordinaten deiner besten Freundin gar nicht beim Zahnarzt, sondern im netten Cafe in der Altstadt sitzt. Mutter, Freunde und Lehrer bekommen diese Info in Echtzeit.

Andere User werden über dich berichten, Fotos von dir machen und deine Mimik zu jeder Tageszeit kommentieren. Bei Stars und Leuten aus dem öffentlichen Leben extrem, aber auch dein Netzwerk wird Informationen über dich abgeben.

Wusste man früher von den Hobbies der Kollegen in der Firma? Heute hat man sie als Kontakte bei XING, sieht ihr Profil auf Facebook, kennt damit vll. ihre politische Gesinnung und weiß, dass Herr Kroll auch Sprecher des Kaninchenzüchtervereins ist. Das YouTube-Video seiner Rede hat er vor drei Minuten hochgeladen. Dagegen wirken Kameras an öffentlichen Plätzen harmlos. Die gegenseitige Überwachung macht mir schon heute sehr viel mehr Angst.

Nun kann man Menschen im letzten Moment um Privatsphäre bitten und den Wunsch nach einem Foto verneinen, doch gibt es dann vielleicht einen Kommentar dazu auf Facebook. DU wirst fortan kommentiert. Immer, überall und ohne Zurückhaltung. Selbst Dinge aus deiner Vergangenheit werden mit einem Mausklick gefunden und beeinflussen fortan die Karriere als Popstar für Oslo.

Ich bin mit diesen Gedanken nicht fertig, weil man es zu diesem Zeitpunkt nicht sein kann. Es macht mir aber Angst.

Diesen Artikel empfehlen:
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google
  • MisterWong.DE
  • TwitThis
  • Technorati
  • Yigg
  • MisterWong
  • Wikio

Schlagworte: , , , , , ,


3 Kommentare bisher, eigenen Senf abgeben?

  1. snoopsmaus (Romy Mlinzk) sagt:

    Sehr schöne Gedanken von @robvegas – hab mich nicht getraut, ihn anzuquatschen in Berlin http://www.robvegas.de/2010/05/12/oeffentlichkeit/

  2. Arno sagt:

    Glaube ich nicht dran, im Gegenteil. Die Stimmung dreht jetzt schon langsam, immer mehr Jugendliche löschen ganz bewusst ihre Profile.

  3. Rob Vegas sagt:

    Na das sind so ein paar Meldungen, welche dann schon einen Gegentrend verlauten lassen. Ich dagegen merke wie immer mehr Leute auch aus meinem engen Umfeld die Plattform entdecken. Selbst Nachbarn, Kassiererinnen etc. sind nun auf Facebook.

Eigenen Kommentar schreiben