Gestern konnte man auf Phoenix die große NRW-Wahlarena verfolgen. Geladen war nicht nur der amtierende Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und seine Herausforderin Hannelore Kraft von der SPD, sondern auch die Vertreter der anderen Parteien. Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass diese Veranstaltung lobenderweise auf den “Obama-Kitsch-Faktor” verzichtete und es somit wirklich auf die Themen und Kandidaten ausgerichtet war.
Sylvia Löhrmann von den Grünen stand passend neben Hannelore Kraft, Pinkwart und Rüttgers daneben im Duo und irgendwo am Rande auch noch ein Wolfgang Zimmermann von den Linken. Viel Neues hatten dabei besonders die Spitzenkandidaten von CDU und SPD nicht zu erzählen. Man konnte bisweilen fast den Eindruck gewinnen, dass wir nicht über die Parteien abstimmen, sondern über ein neues oder altes Schulsystem in NRW. Andreas Pinkwart versuchte sich als Ausputzer von Jürgen Rüttgers zu präsentieren und Kraft hatte wohl nach dem ersten TV-Duell einige Beratung von ihren Helfern in Punkto Rüttgers erhalten. Sie verlachte dieses Mal laut einige Thesen von ihm, gab spontane Zwischenrufe und wirkte somit deutlich angriffslustiger als im ersten “Duell” der beiden. Sie sollte ihn aus der Ruhe bringen.
Viel spannender als die Themen Bildung, Arbeit und Koalitionsaussagen waren aber wirklich jene Bilder, welche die Kandidaten vermitteln wollten. Man merkte auch deutlich wie ein Profi wie Rüttgers allein schon in seiner Rhetorik einem unerfahrenen Zimmermann von den Linken vollkommen überlegen ist. Es war der erste große TV-Auftritt für Zimmermann, niemand wollte so recht auf ihn eingehen und obendrein spürte man förmlich seine große Nervosität. Er hatte sich sogar “gute” Punkte vorher aufgeschrieben, doch muss man sie auch im Fernsehen dann gekonnt rüberbringen. Junge Parteien scheitern da meist an der Erfahrung alter Polithasen. Man erinnere sich nur an den Auftritt der Piratenpartei bei “Unter den Linden” zum Thema Internetsperren. Als Kenner wusste man natürlich, dass das Fachwissen vorhanden war, doch der geladene Gast der CDU spielte damals den Newcomer aus dem Netz völlig an die Wand.
Andreas Pinkwart ist dagegen geübt in derlei Situationen und freute sich sichtlich diese Bühne neben Rüttgers nutzen zu dürfen. Er zielte meist unter die politische Gürtellinie, versuchte “Rot-Rot-Grün” als Schreckgespenst zu brandmarken und machte sich seine geübte Rhetorik leider immer wieder mit einem diebischen Lächeln am Ende seiner Sätze die Sympathie der Zuschauer kaputt. Meiner Meinung nach bemerkt das Publikum diese emotionalen Gesten. Sympathie ist wichtiger als jedes Wahlprogramm.
Jürgen Rüttgers hingegen wusste genau wie er sich hier zu verkaufen hatte. Als sorgsamer Sparer, besorgter Landesvater in Zeiten der Wirtschaftskrise, als soziales Gewissen der CDU wirkte er fast schon wie ein Sozialdemokrat, welcher die potentiellen Wähler der SPD ansprechen wollte. Nicht umsonst warf ihm Kraft dafür vor sich als Sozidemokrat aufzuspielen. Medial gesehen war es aber ein cleverer Schachzug in der TV-Runde.
Wurde die Debatte hitzig und schwierig, so versuchte Rüttgers stets den beruhigenden Landesvater zu geben, machte damit nicht unbedingt inhaltliche Punkte, aber konnte Kraft mehrmals ausbremsen, oder zumindest mit ihren politischen Forderungen in den Zweifel ziehen. “Wer soll das in Zeiten einer Wirtschaftskrise bezahlen?” – Dieser Satz beinhaltet zwar keine Lösungsvorschläge, aber er ist für den verunsicherten Wähler zumindest nachvollziehbar und wirkt dadurch ehrlich. In diesen Zeiten wählt man lieber keine Versprechen. So könnte es zumindest im Geiste der Wähler angekommen sein.
Doch Rüttgers hatte die Rechnung zum Teil auch ohne das Publikum gemacht, welche Forderungen von Kraft mit großem Applaus belohnte und den Amtsinhaber mehr als nur einmal alt aussehen ließen. Einmal wurde er sogar zusammen mit Pinkwart verlacht und solche Situationen bleiben gerne beim Zuschauer verhaften. Natürlich sind das nur meine subjektiven Eindrücke. Doch eben diese Eindrücke kommen beim Wähler und Zuschauer an.
Am Ende sieht es den neuesten Umfragewerten nach einer Patt-Situation in Nordrhein-Westfalen aus. Als Zuschauer könnte man aber fast vermuten, dass Kraft und Rüttgers nicht einmal ein schlechtes Duo in einer großen Koalition wären. Kraft wirkt deutlich volksnäher, kennt die Sorgen und Ängste der Familien und hätte in Rüttgers den fehlenden politischen Übervater mit an Bord.
So wird es am 9. Mai wohl sehr schwer eine neue Landesregierung zu bilden. Die große Koalition wird im Blick auf Berlin nur schwer realisierbar, Rot-Rot-Grün wurde weitesgehend von Kraft ausgeschlossen und so unbedarft Herr Zimmermann von den Linken auch wirken mochte, so wählen enttäuschte SPD-Anhänger und Leiharbeiter heute lieber die Linke als eine Hannelore Kraft. Für sie macht es die Sache daher nicht leichter und wir alle haben noch die Bilder und Worte von Ypsilanti im Kopf.
Genau deswegen ist es sehr wichtig, dass Du und ich am 9. Mai in die Wahlkabine gehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es die spannendste Wahl des Jahres! Vor allem weil der Gewinner länger aktiv bleibt als die Superstars von RTL.



























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