Was ist eigentlich noch Fernsehen?

Copyright: robvegas.de
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Was ist eigentlich das Fernsehen? Für viele von uns klärt dieser Begriff nicht nur das Gerät im Wohnzimmer, sondern steht für seine ganz eigene Geschichte. Fernsehen ist Kindheitserinnerung, eine Ansammlung an Unterhaltungsshows aus vielen Epochen der Unterhaltung und jedes geschichtliche Ereignis der Moderne ist fest mit den Fernsehbildern in unseren Köpfen verknüpft.

Da gibt es den Nachrichtenonkel, die Showdinos, geliebte Serien und bekannte Köpfe wie Rudi Carrell. Fernsehen ist vergleichbar mit dem „Hollywood“ Schriftzug in Los Angeles. Ein jeder Zuschauer verbindet mit diesem Begriff seine komplett eigene Sicht in die Flimmerkiste. Eine Art Panini-Album und jeder hat darin seine absoluten Lieblinge. Ohne die Bilder wäre das Sammelheft keinen Blick mehr wert.

Doch Fernsehen ist heute vielmehr ein einfaches Geschäft. Das war es natürlich schon immer, doch heute beklagt man sich über den Verfall des Programms, die immer gleichen Moderatoren und die durch das Fernsehen am Leben gehaltene C-F Prominenz. Trashformate wirken dabei wie der Defibrillator für abgehalfterte TV-Stars und Menschen die diesen Karriereweg erst noch für sich entdecken wollen.

Selbst würde man das TV-Porgramm als Senderchef komplett umkrempeln. Doch warum tun das denn nicht die aktuell Verantwortlichen? Weil das Fernsehen halt nicht nur ein mit Erinnerungen besetzter Begriff ist. Programmchefs werden schneller gefeuert als Mitarbeiter in Discountern. Jeden Morgen hängt die Quote wie ein Damoklesschwert über der beruflichen Zukunft und zudem ist bei TV-Produktionen immer auch eine Menge Geld im Spiel. Jobs und sichere Gehälter zählen mehr als Qualität am Ende der Produktion. Diese Menschen haben sogar Familien.

Funktioniert eine Sendung, so gibt es für alle Beteiligten keinen Grund dieses sichere Pferd auch nur minimal zu verändern. Auch Menschen die im Fernsehen arbeiten müssen ihre Mieten bezahlen. Fernsehen ist heute ein ganz normaler Job. Vor allem kein krisensicherer Job. Es arbeiten halt nur mehr Irre in den Anstalten.

Daneben funktioniert Fernsehen auch einfach anders. Formate müssen mindestens eine halbe Stunde lang sein, die Lacher kommen neben dem Studiopublikum auch noch vom Band und die Gagdichte wird auf die Minute genau berechnet. Wünscht sich ein Internetshowmaster wie ich oft nur einfach menschliches Feedback und ehrlichen Applaus, so reicht das normalen TV-Shows gar nicht. Hier muss überall und zu jeder Sekunde nachgeholfen werden.

Bei TV-Total werden beispielsweise immer alte „Raab in Gefahr“ Clips gezeigt.
Während sich das Publikum darüber amüsiert, filmen die TV-Kameras die Lacher. Warum? Damit man später bei nicht ganz so super Gags und Talks dem Zuschauer eine super Resonanz des Publikums vorgaukeln kann. Warum jaulen viele Frauen am Anfang einer Show, wenn der Moderator den Raum betritt? Weil der Anheizer es verlangt und sogar mehrmals probt. Ist das schlimm? Nein. Es sind einfach gesetzte Standards, obwohl man manche davon auch langsam mal über Bord werfen könnte.

Lacht das Publikum mal nicht über den Einspieler, so eröffnet das bisweilen ganz neue Möglichkeiten für einen guten Moderator. Er kann daraus einen Running-Gag machen, oder sich selbst für diesen miesen Clip bemitleiden. Man könnte sogar mit der Kamera rauf zu den Redakteuren gehen und die betreffende Person vor laufender Kamera zur Sau machen. Diese „Momente“ kommen heute aber überhaupt nicht mehr vor, weil Fernsehen und Fernsehshows komplett durchgeplant sind. Für Improvisation und spontanen Witz müssen schon eigene Formate erfunden werden.

Würde ich hier in der Sendung ein Lacherband einfügen, so kämen die Kritiker schneller aus ihren Löchern als sich Osama und Erdmännchen darin verkriechen können. Die Geschichte eines Mediums bestimmt die Vorangehensweise der Zukunft. Übrigens sind Filme, Videos und Clips im Internet genau durch diese TV-Nutzung maßgeblich geprägt und fast alle Nutzer versuchen die Standards so gut es geht zu kopieren und durch das neue Medium bedingt auch neu zu interpretieren.

So ziemlich alle Shows, News und Videos bedienen sich dieser Sehgewohnheiten. Hobbyfilmer basteln sich an das Fernsehen angelehnte Studios, Bauchbinden und auch die Art des Videoschnitts wird vom TV kopiert. Trenner werden gebastelt, Intros dem TV-Vorbild nachempfunden und Rubriken eingeführt.

Wenn man das heutige Fernsehen also verstehen will, dann muss man sich zwangsläufig von seinen damit verbundenen Erinnerungen trennen. Leider.

[hr]

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Seit 2003 aktiv im Web. Vorher nur bei Napster mit ISDN-Flatrate. Kenne noch Disketten. Blogger, Autor und Moderator. Twittere nebenbei als falscher Harald Schmidt unter @bonitotv. Führe wichtige Telefonate noch per Festnetz.

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