Normalerweise verschwinden Dokumente und andere Medien irgendwann in einem Archiv und verstauben. Ab und an macht sich jemand die Mühe in den alten Schriften zu blättern und schreibt seine Doktorarbeit. Natürlich ist das eine leicht überspitzte Darstellung, aber jeder neue Tag verdängt das Gestern weiter in den Staub.
Im Zeitalter des Internets spricht man gerne von den neuen Möglichkeiten, Ideen und Entwicklungen. Schnell ist das Netz und vor allem schnelllebig (Laut Duden wirklich mit drei “l”).
Doch in mir reift immer mehr der Gedanke, dass das Netz die Zeit konserviert. Besonders im Rückblick auf die letzten Jahrzehnte ist mittlerweile fast alles vorhanden. Und viele Menschen schaffen gar nicht so viel Neues im Internet, sondern beschäftigen sich auf zahlreichen Plattformen mit alten Medien.
Werden mehr aktuelle Charthits als alte Evergreens aus dem Netz geladen? Diese Frage finde ich extrem spannend. Wie ist die Balance zwischen alt und neu im Netz verteilt?
Normalerweise würde man eine Wiederholung einer TV-Serie aus den 80er Jahren nur sehen, wenn sich ein TV-Sender die Rechte sichert und nachts um drei Uhr MacGyver versendet. So überlebte eine Produktion bislang. Doch nun kann man sich zu jeder Uhrzeit auf YouTube MacGyver ansehen. Menschen können im Netz weiter in der Zeit ihrer Jugend surfen.
Besonders starke Marken wie “Indiana Jones” überleben so noch einmal ein Revival. Durch das Internet, neue Spiele und ein starkes Franchise werden bestimmte Personen, Charaktere und Ereignisse zeitlos im Netz. Chuck Norris ist nicht mehr nur Schauspieler, sondern eine Art fester Begriff/Bestandteil im Internet.
Besonders Musik ist nun aus vielen Epochen verfügbar und ein 13jähriger kann durch eine Empfehlung von älteren Nutzern Jazz-Musik für sich entdecken und kauft damit nicht die aktuelle Platte aus den MTV-Charts. Ich kann mich im Netz nur mit Musik aus den 80ern beschäftigen. Der lebendige Zugriff fegt den Staub von den Medien und lässt sie immer wieder neu wirken.
Eine Serie aus den 80ern kann so auf YouTube endlos gesendet werden und heute wieder neue Fans gewinnen. Da spielt Zeit doch gar keine Rolle mehr. Vielleicht ist eine jetzt gefloppte US-Serie in drei Jahren komplett kostenlos auf den Videoportalen verfügbar und entwickelt sich durch einen dummen Zufall in fünf Jahren zum zeitlosen Kult im Netz?
Die Verwertbarkeit von Medien kennt somit gar kein Ende mehr und ist für die klagende Industrie eigentlich ein Gottesgeschenk. Je größer die Kataloge an Medien und Verwertungsrechten, umso mehr Geld wird man im Internet schaufeln können.
“Was tust Du gerade? – Schaue mir das Intro der Gummibärenbande an.”
“Was hörst Du gerade? – Eine Live-Aufnahme von Louis Armstrong aus dem Jahre 1959.”
Man stelle sich einmal vor, dass eben jene Aufnahme ein paar Internet-Credits kosten würde und sie ewig im Internet-Verkaufsregal steht. Das diese Aufnahme über die Jahre an Millionen von Zugriffen kommt und somit konserviert für die Ewigkeit ist.
Das Internet hat sicherlich auch neue Dinge erschaffen und diese kleine Show hier ist dafür nur ein Beispiel, aber eigentlich hat das Internet einen Kampf gegen die Zeit gewonnen. Nichts wird vergessen. Alles ist verfügbar. Alles kann ewig käuflich sein. Alles in Sekunden aus dem Archiv geladen.
Fraglich ist nur inwieweit die Beschäftigung der User mit mehr alten Medien die Entwicklung von neuen Musikrichtungen etc. bremsen wird? Oder wird alles irgendwie nur noch eine Anlehnung an vergangene Zeiten? Ist das Neue im Netz fortan immer nur ein Remix aus den vorhandenen Medien?
Für mich die spannendste Fragestellung unserer Zeit.


























Claudia sagt:
Hallo Rob,
Jan 26, 2010, 23:59es ist nicht das Netz, das die Zeit konserviert, es sind die User selbst, die die vorhandenen Möglichkeiten nutzen, um ihre medialen Jugenderinnerungen dauerhaft zu bewahren und nach Bedarf hervorzuholen. Ich kann da nur für mich schreiben, aber ich finde es schlichtweg großartig, bei youtube alte Fernsehschnipsel zu suchen und mich einen kleinen Augenblick wieder wie damals zu fühlen, ich hatte dabei schon richtig schöne Flashbacks. Gruß Claudia
Rob Vegas sagt:
Genau. Das Internet steht ja als Begriff nicht nur für die technische Seite, sondern auch maßgeblich für das Verhalten der Nutzer damit.
Ich schaue mir im Netz ja selbst mittlerweile LateNight Shows von 1970 an. Verrückt!
robvegas
Jan 26, 2010, 02:38gewappnet sagt:
Umgekehrt geht durch das Internet aber auch sehr viel verloren. Denn in der Regel updaten die Leute ihre Webseiten ja, in dem sie das überschreiben, was vorher da war. Hast Du alte Versionen Deiner Webseite archiviert? Komplette Webseiten verschwinden ständig – sogar ganze Seitenhoster wie GeoCities. Während man früher gedruckte Veröffentlichungen zumindest noch in Bibliotheken gefunden hat, sind Internetveröffentlichungen vollkommen weg. Deswegen bauen ja gerade Nationalbibliotheken weltweit Webarchive auf und auch die Deutsche Nationalbibliothek hat seit 2006 den gesetzlichen Auftrag dafür. Bislang hat jedoch nur die amerikanische Non-Profit-Organisation Internet Archive (www.archive.org) etwas wirklich Nutzbares.
Jan 26, 2010, 10:18Tweets die Keine Zeit im Internet | Rob Vegas erwähnt -- Topsy.com sagt:
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von RobVegas, Andivista und martin kleinschmidt, martin kleinschmidt erwähnt. martin kleinschmidt sagte: RT @robvegas: Neuer Artikel: Keine Zeit im Internet http://j.mp/co6jze [...]
Jan 26, 2010, 13:32